Ukrainische Literatur als Spiegel nationaler Identität und Widerstand gegen Autoritarismus

Entstehung eines ukrainischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert

Im Zeitalter, als Züge noch mit Kerzen beleuchtet wurden, formierte sich ein ausgeprägtes ukrainisches Nationalbewusstsein. Dies führte 1876 dazu, dass Zar Alexander II. die Einfuhr und den Druck ukrainischer Bücher sowie öffentliche Darbietungen in ukrainischer Sprache untersagte.

Dieses Verbot erreichte jedoch das Gegenteil: Um die Jahrhundertwende wandten sich zahlreiche ukrainischsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegen Krieg und autoritäre Herrschaft und vertraten eine moderne, europäisch geprägte, liberal-freiheitliche Haltung.

Literarische Provokationen und politische Repression

Ein Beispiel hierfür ist Mychajlo Mohyljanskyjs 1916 erschienene Erzählung „Die Braut“, in der die Protagonistin auf dem Weg zu ihrem Verlobten in einem Zug, dessen Schaffner die Kerzen nicht anzünden wollte, ein erotisches Abenteuer mit einem Fremden erlebt:

„Die süße Müdigkeit nahm immer mehr von ihrem Körper Besitz. Widerstand gegen den hypnotisierenden Blick wollte sie nicht mehr leisten – ja, sie genoss seine Macht über sie. So überraschte es sie nicht, als der Fremde von seiner Liege aufstand, zu ihr trat, schweigend ihre bebende Hand fasste und sie mit inbrünstigen Küssen bedeckte. Sie wehrte sich nicht, denn eine bis dahin unbekannte, überwältigende Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, und sie gab sich willenlos hin.“

aus: Mychajlo Mohyljanskyj: „Die Braut“ (1916)

Solche Passagen sorgten im strengen Zarenreich für Empörung. Mohyljanskyj, ein Angehöriger des Adels und überzeugter Marxist, wurde später wegen „revolutionärer Tätigkeit“ inhaftiert und starb 1942 unter Stalins Herrschaft in Sibirien.

Kampf um nationale Selbstbestimmung in der Literatur

Das Schicksal Mohyljanskyjs und seine Erzählung spiegeln ein zentrales Motiv der ukrainischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts wider: Sie dienten als Ausdruck nationaler Identität und als Form des Widerstands gegen autoritäre Mächte.

Bereits 1884 verdeutlicht der bedeutende Schriftsteller Iwan Franko dieses Thema in seiner Erzählung „Wilhelm Tell“. Darin diskutiert ein junges Paar über den Kampf um die nationale Unabhängigkeit. Der Mann, ein angehender Philosoph, lehnt eine Veröffentlichung in einer ukrainischsprachigen Literaturzeitschrift und politisches Engagement ab, aus Angst um Ruf und Karriere.

Die Frau hingegen engagiert sich leidenschaftlich für die Befreiung der Heimat nach dem Vorbild der Schweiz – eine „gefährliche und doch heilige Sache“:

„Nein, nicht ihretwegen gab er seine hehren Vorsätze und die Sorge um das Volk auf; vielmehr tat er es, weil in seinem Herzen entweder die heilige Flamme der Liebe zum Volk erloschen war – oder nie gebrannt hatte. Sie war nur das Feigenblatt gewesen, mit dem er in Gesellschaft seine eigene Charakterlosigkeit und Feigheit bedeckte. Nein, sie würde dies nicht dulden, keine Minute hinnehmen, dass dieser Mann so mit ihr verfahre!“

aus: Iwan Franko: „Wilhelm Tell“ (1884)

Frauen in der ukrainischen Literatur: Verlegerinnen, Herausgeberinnen und Autorinnen

Auch die Selbstermächtigung von Frauen ist ein wiederkehrendes Thema in den dreizehn Geschichten des Sammelbandes. So beschreibt die Kurznovelle „Valse mélancolique“ von Olha Kobyljanska aus dem Jahr 1894 eine Frauen-Wohngemeinschaft im westukrainischen Galizien.

Diese Frauen widmen sich ihrer künstlerischen Selbstverwirklichung und streben nach individueller Freiheit, anstatt in Isolation und Hilflosigkeit zu versinken.

„Wenn alle künstlerisch erzogen und gebildet wären, gäbe es nicht so viel Hässlichkeit und Elend auf der Welt wie jetzt. Es gäbe nur Harmonie und Schönheit. Aber jetzt? Was gibt es rings um uns? Nur wir allein halten die Kunst im Leben aufrecht, wir Künstler, die wenigen Auserwählten der Menschheit.“

aus: „Valse mélancolique“ von Olha Kobyljanska (1894)

Kobyljanska gehörte zu einem Kreis westukrainischer Verlegerinnen, Herausgeberinnen und Autorinnen, die sich bereits um die Jahrhundertwende für feministische Emanzipation und nationale Unabhängigkeit einsetzten. Ein bedeutendes Anliegen war dabei die Etablierung des Ukrainischen als Literatursprache.

Die programmatisch-aktivistischen Impulse einiger der „Meistererzählungen“ sind im Anhang des Bandes durch Kontextinformationen und Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren dokumentiert.

Dies verdeutlicht zum einen die zentrale Rolle der Literatur bei der Herausbildung des ukrainischen Nationalbewusstseins und zum anderen die harte Verfolgung dieser Bestrebungen durch das Russische Reich – zunächst durch das Verbot der ukrainischen Sprache, später durch stalinistische Säuberungen.

Zentrale Figuren der literarischen Avantgarde und ihre Verfolgung

Walerjan Pidmohylnyj, eine Schlüsselfigur der ukrainischen literarischen Avantgarde, übersetzte Werke von Diderot, Balzac und Maupassant ins Ukrainische. 1937 wurde er hingerichtet. Bereits 1918 thematisierte er in einer Erzählung über zwei jugendliche ukrainische Freiheitskämpfer die brutale Haltung eines russischen Rotarmisten:

„‚Wie? Ein Milchgesicht und Rüpel, noch grün hinter den Ohren, und schon Konterrevolutionär? Bourgeois? Was willst du damit erreichen, he? Gegen wen? Gegen das große russische Volk? Gegen das Proletariat? Weißt du denn nicht, was das Volk mit Verrätern macht?‘ Während er diese Fragen stellte, kam der Kommissar immer näher. ‚Es vernichtet sie, wie Ungeziefer!‘“

Solche Passagen zeigen die erschütternde Aktualität der Geschichten auch nach mehr als hundert Jahren. Die „Meistererzählungen“, so der selbstbewusste Untertitel des Bandes, schildern mal mit erzählerischer Tiefe, mal in einem eher einfachen Stil, wie das Individuum mit gesellschaftlichen Erwartungen und den Herausforderungen der Geschichte ringt.

Sie illustrieren zudem, wie stark die ukrainische Literaturtradition von europäischen Ideen wie Psychoanalyse, Individualität sowie dem Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit geprägt ist.