Ein Möbelstück als Zeitzeuge: Der Schrank im Zentrum von „Unerwünschte Töchter“
Zu Beginn des Romans „Unerwünschte Töchter“ steht ein Kirschholzschrank mit dunkler Ölung und einem Kranzgesims, der 1912 in Dresden für Margarethe angefertigt wurde. Dieses Möbelstück begleitet über drei Generationen hinweg die Frauen der Familie – Margarethe, Marianne und Monika. Es übersteht zwei Weltkriege und zieht mit der Familie von Dresden nach Meiningen und Königsbrück, bis es schließlich in den Besitz von Miriam Carbe gelangt, Margarethes Urenkelin und Autorin des Romans.
Persönliche Erinnerungen und familiäre Konflikte
Als Miriam Carbes Mutter verstarb, empfand sie den Schrank zunächst als belastend und wollte ihn nicht behalten. Ein ehemaliger Partner bot an, den Schrank aufzubewahren, doch nachdem dieser ihn während eines Telefonats mit einer früheren Freundin als Kulisse für ein Gespräch über eine Trennung nutzte und später aufgrund seiner Depressionen in eine Klinik eingewiesen wurde, holte Miriam den Schrank eigenständig zurück in ihr Zuhause.
Das Erbe der Frauen: Materielle Objekte als Träger von Familiengeschichte
Während Männer die Familie verlassen, bleibt der Schrank als stummer Zeuge bestehen. Die kulturwissenschaftliche Forschung zur „Dingkultur“ betont, dass materielle Gegenstände nicht nur passive Objekte sind, sondern komplexe Beziehungen zu Menschen eingehen und eine eigene Wirkmacht entfalten können. So ist auch der Schrank in Miriam Carbes Roman mehr als ein Möbelstück: Er bewahrt über hundert Jahre die literarischen Zeugnisse der Frauen der Familie und wird mit den Tagebüchern der Vorfahrinnen zum Symbol des kollektiven Familiengedächtnisses und Ausgangspunkt für Carbes literarisches Schaffen.
Ein Jahrhundert im Wandel: Margarethes Jugend im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen
Die Geschichte beginnt um 1900, einer Zeit großer Umbrüche: Das Automobil wurde gerade erfunden, und in der Villa Parsifal in Dresden erstrahlten erstmals elektrische Lampen. Margarethe wächst in diesem Umfeld auf, in einem großbürgerlichen Elternhaus, das strenge Regeln vorgibt. Obwohl die Eltern sich einen Sohn gewünscht hatten, wird Margarethe geboren, deren temperamentvolle und eigenwillige Persönlichkeit als „zu jungenhaft“ empfunden wird. Sie flüchtet sich in ihre Lektüren und erschafft sich so eine eigene Welt.
Die Liebe zur Literatur verbindet alle vier Frauen der Familie. Miriam Carbe beschreibt das Lesen als existenziell, eine Form der Selbstvergewisserung und der Flucht zugleich. Für ihre Urgroßmutter war Goethe eine Art Bibel, und das Lesen diente nicht nur der Bildung, sondern auch der Vorstellung alternativer Lebensentwürfe.
Schreiben als Ausdruck und Vermächtnis
Das Schreiben ist ein zentrales Element des familiären Erbes. Es dient als Sprachrohr in einer Familie, in der viel unausgesprochen bleibt. Margarethe erlebt schon als Kind, dass Fehler nicht mit lautem Tadel, sondern mit Schweigen bestraft werden. Jahrzehnte später wird die Geburt von Miriam Carbe, die als Schwarze Frau geboren wurde, vor Margarethe verborgen.
Erzählerische Struktur und Perspektivenwechsel
„Unerwünschte Töchter“ ist ein Debütroman der 1967 geborenen Arte-Redakteurin Miriam Carbe. Die Erfahrung im filmischen Erzählen spiegelt sich in der sorgfältigen Komposition des Romans wider. Die Handlung folgt chronologisch den Lebensgeschichten von Margarethe, Marianne und Monika, wobei mit der Geburt jeder neuen Tochter auch die Erzählperspektive wechselt. Auszüge aus den Tagebüchern der Vorfahrinnen werden immer wieder eingeflochten.
Dieses dokumentarische Vorgehen wird durch Passagen ergänzt, in denen Carbe als Ich-Erzählerin auftritt. Sie reflektiert über Brüche und Verbindungen in der Familiengeschichte und setzt sich selbst als Schwarze Frau in Beziehung zu ihren Vorfahrinnen. Die Erzählweise wirkt dabei assoziativ und fragmentarisch, ähnlich einem psychoanalytischen Gespräch, wobei die Suche nach dem eigenen Platz innerhalb der Familienchronik zum erzählerischen Leitmotiv wird.
Zitat aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„Meine Urgroßmutter Margarethe war eine strenge Mutter. Auf die aus ihrer Sicht falschen Lebensentscheidungen meiner Großmutter Marianne hat sie später scharf reagiert. Die ersten drei Jahre meines Lebens wurde ich meiner Urgroßmutter verschwiegen. Als ich in die Schule kam, musste ich dieser fremden und unheimlichen Frau Briefe schreiben, die dann mit ihren roten Korrekturen und getrockneten Blüten zurückkamen.“
Innere und äußere Perspektiven im Spannungsfeld
Der Roman besticht durch den Wechsel zwischen verschiedenen Erzählstilen und Perspektiven, vergleichbar mit dem filmischen „Shot-Reverse-Shot“. Miriam Carbe wechselt zwischen der distanzierten Sicht auf ihre Urgroßmutter und der radikalen Übernahme der Perspektiven ihrer Vorfahrinnen. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Innen- und Außenansicht, das die komplexen Beziehungen zwischen den Frauen verdeutlicht.
Diese Vielschichtigkeit zeigt sich auch in den Ambivalenzen der familiären Bindungen: Zärtlichkeit und Liebe stehen neben tiefen Verletzungen und Unverständnis. Trotz aller Konflikte bleibt das unbedingte Aufeinanderbezogensein der vier Biografien die zentrale Konstante.
Doppelte Geschichtsschreibung: Privates und Historisches
Miriam Carbe beschreibt die Umzüge ihrer Urgroßmutter als einen Abstieg „von der feudalen Villa Parsifal in Dresden bis zum Ende eines langen Ganges in einem gesichtslosen Altersheim“. Diese literarische Abstiegserzählung erinnert an Thomas Manns „Buddenbrooks“ und verweist auf die Verbindung von privater und gesellschaftlicher Geschichte.
Darüber hinaus reiht sich Carbe in die Tradition großer weiblicher Erzählerinnen wie Elsa Morante ein, indem sie sowohl die familiäre Kleingeschichte als auch die große historische Erzählung miteinander verknüpft. So thematisiert der Roman von Anfang an den alltäglichen Rassismus und Antisemitismus, der nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Carbe erzählt die Geschichte nicht aus der Perspektive der Mächtigen, sondern richtet den Blick auf diejenigen, die am Rand der Geschichte stehen. Marianne beispielsweise wird als junge Frau überzeugte Nationalsozialistin, arbeitet in einer Kaserne und verliebt sich in ihren Vorgesetzten Alfred Carbe, der als Jurist Todesurteile für Deserteure unterschreibt.
Zitat aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„Auf seinem Todesurteil standen drei Unterschriften, eine davon war die von Alfred Carbe. Marianne hatte neben ihm gestanden, als er zu seinem dunklen, machtvollen A angesetzt hatte, zu seinem heiter gebogenen C. ‚So darf er nicht reden‘, hatte sie gesagt. ‚Aber gleich Todesstrafe?‘ ‚Ich bin Jurist, ich muss nicht denken, sondern nach geltendem Recht handeln. Und wenn ich es nicht unterschreibe, entscheidet der Kommandant, es ändert ohnehin nichts.‘ Das stimmte natürlich, dachte Marianne, sie waren nur kleine Rädchen in einem gewaltigen Getriebe.“
Der Begriff „Rädchen im Getriebe“ wurde durch Hannah Arendts Analyse von Eichmann geprägt. Mariannes Versuch, Alfred Carbe vom Unterschreiben abzuhalten, könnte auf erste Zweifel am NS-Regime hindeuten. Zugleich reflektiert Carbe die Lücken ihres eigenen Wissens und stellt Fragen offen.
Zitat aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„Hat sie ihn gewarnt, weil sie schon ahnte, dass es eine Zeit nach dem Nationalsozialismus geben würde? Oder weil ihr der Deserteur leidtat? Hat sie ihn überhaupt gewarnt?“
Diese Unsicherheiten spiegeln auch das erzählerische Verfahren wider: Die Tagebücher und historischen Dokumente werden erst durch fiktionale Elemente lebendig. Die Autorin gibt zu, dass sie viele Details erfunden hat, um die Geschichte zu vervollständigen.
Zitat aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„Ich orientiere mich in der groben Struktur schon an den Tagebüchern, aber ganz, ganz vieles weiß ich nicht und habe ich erfunden. Und es gibt auch Personen, von denen ich genau weiß, dass es sie nicht gegeben hat, die ich aber dazu erfunden habe, weil ich fand, dass sie da gut reinpassen.“
Unzuverlässige Erzählerinnen und komplexe Familienbiografien
Ein zentrales Thema ist die Unzuverlässigkeit der Tagebuchautorinnen. Die Frauen wissen nicht alles oder wollen bestimmte Dinge nicht wahrhaben, was ihre Rolle als Geschichtenerzählerinnen betont.
Besonders Monika, die Mutter von Miriam Carbe, steht im Fokus. Sie wird 1944 als Kind von Alfred Carbe und Marianne geboren, nachdem ihr Vater im Krieg gefallen ist. Trotz der Vorkehrungen ihres Vaters, die ihr den Status einer ehelichen Tochter sichern sollten, fühlt sich Monika von Anfang an entfremdet. Anders als ihre Mutter kämpft sie mit ihrem Körper und ihrer Identität. Das Schreiben wird für sie zur Zuflucht, bis sie einen psychotischen Schub erleidet und in die Klinik Bethel eingewiesen wird.
Zitat aus „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
„In Bethel wird Monika eine Schlafkur verordnet, sie erholt sich und macht später mit ihrer Klasse Abitur. Die Diagnose lautet Nervenüberreizung, wozu Monika selbst in ihr Tagebuch schreibt: ‚Ich wusste es natürlich besser. Die gleiche ‚Krankheit‘ fand ich bei Dostojewski, Kleist, Musil.‘“
Ärzte raten ihr, das literarische Schreiben zu meiden, um Rückfälle zu verhindern. Mit „Unerwünschte Töchter“ legt Miriam Carbe somit auch den Roman vor, den ihre Mutter nie schreiben konnte, und zeigt auf, wie prägend Monikas Krankheit für ihr eigenes Aufwachsen war. Ein möglicher Kritikpunkt am Buch ist, dass Monikas Geschichte im Vergleich zu den anderen Frauen weniger Raum erhält, obwohl ihre Biografie besonders vielschichtig und ihr Verhältnis zu den anderen Familienmitgliedern komplex ist.
Monika sucht trotz weiterer Krisen Zugehörigkeit, unter anderem an der Universität Magdeburg, wo sie sich oft fehl am Platz fühlt. Erst die Begegnung mit dem jungen Nigerianer Akang führt zu einer zarten Beziehung, die jedoch durch den latenten familiären Rassismus belastet wird, der die Familie über zwei Weltkriege





















