
Viktor Jerofejew: Ein kritischer Blick auf Russland und seine Schuld
Die Epoche, in der man lebt, lässt sich nicht frei wählen – ebenso wenig das Land, in das man hineingeboren wird, oder die Bedingungen der eigenen Herkunft. Viktor Jerofejew ist Russe, was in der gegenwärtigen Zeit, sofern man nicht blind, gleichgültig oder opportunistisch agieren möchte, eine schwierige Position darstellt.
Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs lebt Jerofejew im Berliner Exil. In seinen literarischen Werken setzt er sich intensiv mit Wladimir Putin auseinander, den er in seinen Texten als „Gopnik“ bezeichnet – ein Ausdruck für einen kleinen Ganoven oder Hinterhofschläger, der seine Unsicherheiten durch Härte, Skrupellosigkeit und Vernichtungswillen zu kompensieren versucht. In seinem 2024 erschienenen Buch „Der große Gopnik“ erzählt Jerofejew eine grotesk überzeichnete Parallelgeschichte: die eines brutalen Aufsteigers namens Putin und die des weltgewandten, intellektuellen Schriftstellers Jerofejew selbst. Das Werk schildert eine überhöhte, von Eitelkeit nicht freie Feindschaft.
Ein ungestümes Werk
Als Fortsetzung dieses phantasmagorischen Romans veröffentlichte Jerofejew eine Art Nachspiel, das er als „Romanfantasie über die russische Schuld“ bezeichnet. Das Buch mit dem provokanten Titel „Die neue Barbarei“ ist noch wilder, fragmentarischer und unstrukturierter. Hier tritt Putin nicht mehr als „Gopnik“ auf, sondern als „Pontschik“:
„Unser russischer Pontschik-Krapfen mit einem Loch in der Mitte. Das Loch dient dazu, den aus heißem Öl genommenen Pontschik auf einen Spieß zu stecken. In diesem Buch versuchen wir mit aller Kraft, den Spieß zu finden, auf dem unser Pontschik steckt.“
– Viktor Jerofejew, „Die neue Barbarei“
In 150 Kapiteln entfesselt Jerofejew eine wütende Abrechnung mit allem, was dieser fettgeschwollene Hefeteig-Pontschik verkörpert und verbrochen hat. Er kontrastiert Russland mit Europa und analysiert insbesondere den Umgang des Landes mit seiner historischen und aktuellen Schuld: „Schuld nach außen abzuschieben – ein russischer Nationalsport.“
Auf seiner Suche nach Erkenntnis geht Jerofejews literarisches Alter Ego sogar so weit, sich der Polygamie zuzuwenden. Obwohl bereits verheiratet, nimmt er eine außergewöhnliche junge Frau zur zweiten Ehefrau.
„Nun denn, es ist entschieden. Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. An meinem Wunsch ist nichts Erstaunliches. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter.“
– Viktor Jerofejew, „Die neue Barbarei“
Die Blüte der russischen Schuld
Die „russische Schuld“, die parallel zum neuen Russland entstanden ist, erlebt derzeit ihre volle Entfaltung. Sie symbolisiert einen grundlegenden Irrtum: Die Probleme des Landes werden nicht in eigenen Fehlern gesehen, sondern stets den vermeintlich feindlichen Absichten von außen zugeschrieben. Der Ich-Erzähler begibt sich mit dieser „russischen Schuld“ auf eine Reise durch ein surrealistisch anmutendes Moskau, in dem Zeit und Epochen miteinander verschmelzen. Dies spiegelt Jerofejews These wider, dass sich in Russland Geschichte zyklisch wiederholt – Phasen totalitärer Herrschaft wechseln sich mit kurzen Perioden des Tauwetters ab, die rasch von autoritären Regimen abgelöst werden.
Die Verzweiflung des Autors führt zu einem mutigen, bewusst unstrukturierten Text, der auf Stringenz und Kausalität verzichtet. Historische Figuren und literarische Größen wie Puschkin, Gogol, Turgenjew, Dostojewski, Tschechow und Tolstoi treten in einem kaleidoskopartigen Szenario auf. So erwacht beispielsweise Puschkin im aktuellen Krieg und wird aufgefordert, patriotische Gedichte zu verfassen, während Gogol sich an die Amerikaner verkauft und Turgenjew nach Paris flieht, um über Selenskij zu schreiben. Auch politische Persönlichkeiten wie der ermordete Dissident Nemzow und der Märtyrer Alexej Nawalny erscheinen in diesem Kontext.
„Alexej rechnete aus, dass er voraussichtlich 2051 aus dem Gefängnis kommen würde – so viele Strafverfahren waren gegen ihn eröffnet worden. Doch er kam früher frei, genauer gesagt, er stieg empor in den Himmel der politischen Unsterblichkeit.“
– Viktor Jerofejew, „Die neue Barbarei“
Die Rückkehr der Barbarei
Jerofejews Romanfantasie nimmt weder Rücksicht auf konventionelle Formen noch auf ästhetische Zurückhaltung. Das Werk ist geprägt von einer teils machistischen Obszönität und prahlerischer Aggressivität. Es kombiniert Dialoge zwischen historischen und symbolischen Figuren mit essayistischen Passagen, politischen Analysen, fantastischen Elementen und Buchbesprechungen. So entsteht ein apokalyptisches Panorama einer „neuen Barbarei“, die wenig innovativ ist, sondern vielmehr die Rückkehr einer alten, vermeintlich überwundenen Barbarei darstellt – einer Barbarei, von der man nach dem „Ende der Geschichte“ und des 20. Jahrhunderts kurzzeitig glaubte, sie sei besiegt.
In diesem Bild unterscheiden sich die „Amerikaner“ kaum von Pontschik – Trump und Putin erscheinen als zwei Seiten derselben Medaille. Die Europäer hingegen werden vom Erzähler wenig zugetraut.
„Europa gleicht einer wenig sportlichen Dame auf Schlittschuhen, die immer wieder auf ihren Hintern fällt. Der Kreml sieht das und lacht sich kaputt.“
– Viktor Jerofejew, „Die neue Barbarei“
Jerofejews Sprache ist von Wut und Resignation geprägt. Das Ergebnis ist gleichermaßen faszinierend wie ermüdend. „Die neue Barbarei“ ist literarisch gesehen kein gelungenes Werk, doch es ist notwendig und dringlich. Es wirkt unausgereift, aber konsequent in seiner Unvollkommenheit. Formal gleicht es einem Scherbenhaufen – ein Zustand, der auch die gegenwärtige Realität widerspiegelt.
Thomas Mann schrieb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Bücher, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland erscheinen konnten, weniger als wertlos seien. Vermutlich wird man eines Tages Ähnliches über die in den späten Putin-Jahren in Russland veröffentlichten Werke sagen können. Jerofejew wird diesen Vorwurf jedoch nicht treffen.




















Ein spannender Einblick in die komplexe russische Identität und die politischen Verhältnisse. Jerofejews provokante Analysen fordern dazu auf, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.
Ach, die „russische Schuld“ – ein wahrhaft innovatives Konzept! Wer braucht schon echte Probleme, wenn man die Schuld einfach ins Ausland abschieben kann? Ein Hoch auf die kreative Selbstverleugnung!
Viktor Jerofejews „Die neue Barbarei“ ist ein wilder, schriller Kommentar zur russischen Identität und Schuld. Der wütende Ton trifft den Nerv der Zeit, auch wenn die Form oft ungeschliffen bleibt.