Autobiografische Erzählungen über komplexe Familienstrukturen und Identitätssuche

Eine Reise nach Madrid und die Begegnung mit einem jungen Argentinier

Mit einem kanariengelben Mini überquert sie langsam die Pyrenäen in Richtung Madrid. Die Fahrt zieht sich in die Länge. Dort studiert sie Spanisch an der Universität und lebt zunächst in der Wohnung einer Cousine.

Schon bald trifft sie auf einen jungen Argentinier, der während der Weihnachtszeit ihr Zimmer belegt hat. Eigentlich hätte er längst wieder weg sein sollen, als sie aus den Ferien zurückkehrt. Er ist einige Jahre älter als sie und beeindruckt durch sein Aussehen.

„Es wirkt, als hätten die Götter ihn erschaffen und direkt im Wohnzimmer meiner Mutter abgesetzt. Er ist attraktiv, weltgewandt und engagiert. Sie ist achtzehn, unerfahren und unschuldig. Locker und sorglos übernimmt er schnell die Kontrolle über ihren zitronenbonbongelben Mini. Er bringt sie zu Seminaren, zur Arbeit und zum Abendessen. Es ist berauschend. Sie muss geglaubt haben, dass das Leben immer so weitergehen würde.“

Vom Studium zur Familie: Wie Erinnerungen zu einem Roman werden

Nach nur drei Monaten bricht die junge Engländerin ihr Studium ab. Die beiden verloben sich, ziehen nach Buenos Aires, und bald wird ihr erstes Kind geboren. Die Erzählerin bleibt das einzige Kind dieses Paares, dessen Ehe kurz nach der Geburt scheitert.

Bereits während der Flitterwochen in Paris war die Beziehung zerbrochen. Ständige Streitigkeiten prägten die Zeit, nicht zuletzt, weil er sich von ihr das Hotel bezahlen ließ. Diese Details erfährt die Tochter erst Jahre später während des Corona-Lockdowns, als das Leben stillsteht und ihre Mutter sie in Los Angeles besucht. „Löwe“ ist ein autobiografischer Roman voller eindrucksvoller Bilder und außergewöhnlicher Szenen, kunstvoll zu einer poetischen Prosa verdichtet.

Offenbar war der pandemiebedingte Stillstand notwendig, damit die 1974 geborene Schauspielerin die passende Form für ihr Debüt fand. Der Roman ist in der Gegenwart geschrieben und verzichtet auf eine chronologische Erzählweise. Die Figuren bleiben ohne Eigennamen und werden vor allem durch ihre familiären Beziehungen definiert. Das Leben erscheint als komplexes Geflecht persönlicher Verbindungen, die für ein Kind emotional kaum zu bewältigen sind.

„Es grenzt an Wahnsinn, das einzige Kind geschiedener Eltern zu sein, die auf zwei verschiedenen Kontinenten leben.“

Zwischen zwei Kontinenten: Die Herausforderungen einer zerrissenen Familie

Als Zehnjährige reist das Mädchen von Lima, wo der Vater mit seiner zweiten Frau lebt, zurück nach London. Aufgrund des Falklandkriegs unterhalten die Briten keine Geschäfte mehr mit Argentiniern. In London lebt sie bei ihrer Mutter, die als Kindergärtnerin arbeitet. Der Vater begleitet sie zum Flugzeug und überreicht ihr ein dickes Buch.

„‚Schau erst wieder hoch, wenn du da bist‘, sagt er. Dann gibt er mir einen Kuss, lächelt die Stewardess an, bis sie strahlt, und verlässt das Flugzeug. Ich sehe ihm nach, und jetzt tut es weh – in den Augen und tief auf der Zunge –, aber das darf ich nicht spüren, denn jetzt fliege ich ja nach Hause zu meiner Mutter, die ich ohne Worte, aber bis ins Mark vermisst habe.“

Der Vater wechselt häufig seine Jobs, Kontinente und Partnerinnen. Mal handelt er mit Altmetall in Vietnam, mal erzielt er ein Vermögen mit Termingeschäften, fährt Formel 1 oder besitzt Polopferde. Wegen eines Drogendelikts sitzt er anderthalb Jahre in einem spanischen Gefängnis. Für die Tochter wächst dadurch der Wunsch nach einem Ort, an dem sie wirklich dazugehört.

Das Haus der Großmutter fungiert lange als Treffpunkt der Familie. Den eigenen Kindern gegenüber zeigten sich die Großeltern jedoch weniger geborgenheitsstiftend. Als britische Kolonialbeamte lebten sie in Ostafrika und schickten ihre vier Kinder auf Internate in England. Auch die Eltern des Vaters, argentinische Intellektuelle, arbeiteten in Indien und ließen ihre Kinder von englischen Gouvernanten und französischen Kindermädchen betreuen.

Die Ikarus-Gestalt: Ein Vater zwischen Faszination und Abwesenheit

„Wie schwer es ist, diejenige zu sein, die geblieben ist!“, reflektiert die Erzählerin im ersten Satz des Romans über ihre Mutter, bevor sie sich der Faszination des abwesenden Vaters zuwendet. Am Ende riskiert dieser bei einem Fallschirmsprung unter Drogeneinfluss beinahe sein Leben. Er erscheint als eine Ikarus-Figur, ein Vater-Gott und zugleich eine schillernde Randgestalt im Leben seiner Tochter. Die Geschichten dieses Mannes möchte sie für ihre eigenen kleinen Kinder bewahren, wie Sonya Walger in einem Interview erklärt.

Ähnlich wie „Ilaria“, das kürzlich erschienene Buch der in Mailand geborenen Gabriella Zalapí, besticht auch Sonya Walgers „Löwe“ durch seine reduzierte Erzählweise. Die konzentrierte Welthaltigkeit dieses späten Debüts übertrifft so manches epische Werk. Ein bemerkenswerter literarischer Erfolg.