Historischer Hintergrund und Handlung
Anfang des 17. Jahrhunderts gerät ein Schiff mit vierzig baskischen Walfängern in einen Sturm und strandet an den westlichen Fjorden Islands. Zunächst verläuft der Kontakt zwischen den Spaniern und der einheimischen Bevölkerung friedlich mit Handel und Austausch. Doch nach drei Jahren, in denen die Spanier nicht zurückkehren und trotz des Widerstands der lokalen Obrigkeit Fischfang betreiben, endet die anfängliche Gastfreundschaft abrupt.
Die sogenannten „Spaniermorde“ zählen zu den düstersten Ereignissen in der Geschichte Islands. Jón Kalman Stefánsson widmet sich diesem Thema in seinem neuen Roman, dessen Erzähler der Geistliche Pétur ist. Im Herbst 1615 sitzt Pétur in seinem Pfarrhaus in Brúnisandur und beginnt, einen ausführlichen Bericht zu verfassen. Dieser umfasst nicht nur eine detaillierte Rekonstruktion der Geschehnisse und deren Hintergründe, sondern auch eine moralische Reflexion sowie eine persönliche Beichte.
Die Rolle des Geistlichen als Erzähler
Die Wahl eines Geistlichen als Erzähler ist bewusst getroffen. Pétur ist nicht nur für Fragen von Schuld und Sühne zuständig, sondern auch ein gebildeter Mann, der Auslandserfahrungen gesammelt hat. Er verfolgt mit Interesse wissenschaftliche Entwicklungen wie die Rechenmethoden Keplers, die Theorien Kopernikus’ und Galileis Fernrohr. Dadurch ist er in der Lage, die Ereignisse nüchtern und ohne die Selbstgerechtigkeit seiner Mitbürger darzustellen.
Sprache als Mittel der Manipulation
Als Mann des Wortes schätzt Pétur die Kraft der Sprache: „Schwerter und Äxte rosten, die Hand des Henkers welkt, Richter und Könige sterben, doch gute Dichtung besteht.“ Gleichzeitig erkennt er aber auch die dunkle Seite des gesprochenen Wortes. Hetzreden verwandeln gewöhnliche Männer in Gewalttäter. Die Sprache dient dazu, die Wahrheit zu verzerren und die Erinnerung zu manipulieren.
So werden die Spanier beschuldigt, zahlreiche Verbrechen begangen zu haben: Frauenmissbrauch, Gewaltandrohungen, Diebstahl von Vieh und Booten sowie Überfälle auf abgelegene Höfe. Die Angst, als feige zu gelten, führt dazu, dass die Isländer schließlich gewaltsam gegen die Spanier vorgehen.
Péturs Verstrickung in die Ereignisse
Pétur wird vom Statthalter Ari Magnusson als Vermittler eingesetzt, um die Spanier, die sich in einem Haus verschanzt haben, zur Waffenübergabe zu bewegen. Er verspricht ihnen Sicherheit, doch es handelt sich um eine Falle. Durch seine Überzeugungskraft macht er die Männer wehrlos und führt sie in den sicheren Tod.
„Ich wusste, jetzt würden sie alle sterben. Ich hatte sie in den sicheren Tod geführt. Ich sah sie fallen. Und stürzte von dannen.“
Diese Mitschuld belastet Pétur schwer und motiviert seine Erzählung und Reflexionen. Darüber hinaus gesteht er persönliche Schwächen ein: Seine Anfälligkeit für weibliche Reize, insbesondere für die Frauen seiner Nachbarn, und seine Neigung zu ausschweifenden Abschweifungen, die den Handlungsverlauf des Romans verlangsamen.
Mythische Herkunft und Nebenfiguren
Der Roman beginnt mit einer ausführlichen Schilderung, wie Péturs Großvater Bothildúr die Tochter eines mächtigen Mannes heiratete. Dieser stamme vom „verborgenen Volk“ der Trolle ab. Eine Legende besagt, dass Péturs Urgroßvater Narfi einen Eisbären mit bloßen Händen bezwungen habe, wobei eine Narbe zurückblieb, die seine Nachkommen mit besonderer Kraft ausstattete. Diese Herkunftsgeschichte dient Pétur als Erklärung für seine starken körperlichen Begierden.
Der Roman umfasst etwa achtzig Figuren, die am Ende des Buches in einem hilfreichen Verzeichnis aufgeführt sind. Eine bedeutende Rolle spielt Péturs Haushälterin und Vertraute Dóróthea, eine kräftige Frau, der er seine Texte vorliest. Sie ermutigt ihn, weiterzuschreiben und die Wahrheit genau zu erfassen.
Zeitlose Bedeutung und gesellschaftliche Reflexion
Stefánsson kleidet seinen Ich-Erzähler in eine historisierende Sprache, die vom Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig gekonnt ins Deutsche übertragen wurde. Dadurch entstehen eindrucksvolle Bilder, die sowohl idyllische als auch grausame, skurrile und groteske Szenen lebendig werden lassen. Gleichzeitig gerät Pétur zunehmend in innere Konflikte.
Nachdem die Bewohner von Brúnisandur nach den Gewalttaten eine übersteigerte Angst vor Eisbären entwickeln, erklärt Pétur psychologisch, dass diese „Eisbären“ eigentlich die Manifestation ihrer eigenen Schuldgefühle und Ängste seien. Seine Predigt, in der er die Namen der Ermordeten nennt, führt zu Ablehnung und Isolation, selbst alte Freunde wenden sich von ihm ab.
Pétur predigt, dass es vor Gott keine Ausländer gebe. Wenn doch, seien die Isländer, die am nördlichen Rand der Welt lebten, nicht die „größten Ausländer von allen“? Mit diesem komplexen Roman richtet Jón Kalman Stefánsson den Blick auch auf aktuelle gesellschaftliche Fragen, ohne dabei plakativ zu wirken. Die Geschichte der Spaniermorde steht für sich, kann aber zugleich als düsterer Spiegel für die Gegenwart dienen.



















