Friedhofsreisen und literarische Begegnungen im magischen Realismus von Jaroslav Rudiš

„Wo die Toten sprechen“ – Eine literarische Reise durch Europa

In Jaroslav Rudiš‘ Roman „Wo die Toten sprechen“ ist Miss Detroit mit einem weißen Sarg auf europäischer Fahrt unterwegs. Dabei handelt es sich nicht um einen herkömmlichen Sarg, sondern um einen Saab, den ihr kürzlich im Berliner Urban-Klinikum verstorbener Vater besaß. Dieser nannte sein schwedisches Fahrzeug stets „Sarg“. Miss Detroit nutzt diesen Wagen, um von Friedhof zu Friedhof zu reisen und Trost zu suchen.

Der Name Miss Detroit, eigentlich Susanne, entstammt dem Grabstein von Lilly Detroit, einer 19-jährigen jungen Frau, die durch Suizid starb und mit der sie erstmals auf einem Friedhof in Kontakt trat.

„Auch nachdem sie Berlin verlassen hatte, dachte Miss Detroit stets an die Gräber junger Frauen und an Fräulein Detroit. Häufig umarmte sie die verstorbenen Frauen, nachdem diese ihr ihre Geschichten erzählt hatten – warum sie sich vor einen Zug warfen, von einer Brücke sprangen oder ins Wasser gingen. Bei jeder Umarmung spürte sie auch die Nähe von Fräulein Detroit.“

Die Begegnung der Protagonisten

Wolf Biermanns Liedzeile „Wie nah sind uns manche Tote, und wie tot sind uns manche, die leben“ beschreibt treffend die zweite Hauptfigur des Romans: Lorenzo. Er ist von der Idee besessen, die Gräber verstorbener Dichter zu besuchen. Auch er wurde von einer Toten angesprochen – seiner Großmutter –, die ihn aufforderte, für Gerechtigkeit zu kämpfen und geraubtes jüdisches Eigentum zurückzuholen. Dies führte dazu, dass Lorenzo Antiquitätenläden überfiel.

Nach seiner Festnahme landete Lorenzo in einer Justizvollzugsanstalt, die sich jedoch als Universität entpuppte. Dort empfahl ihm ein Professor für Weltliteratur, die Werke toter Dichter zu lesen – eine Aufgabe, die ihn traurig und zugleich fasziniert zurückließ. Bei einem Besuch am Grab von Jean Paul in Bayreuth traf Lorenzo schließlich auf Miss Detroit.

„Lorenzo erzählte Miss Detroit auf einer Friedhofsbank, wie der Professor wünschte, dass er alle Bücher der toten Dichter retten möge. Er berichtete, wie ihn diese Aufgabe von Anfang an traurig und verrückt machte, da er wusste, dass er es nie schaffen würde, all die Bücher zu lesen und zu ‚fressen‘. Miss Detroit hörte ihm schweigend zu, nur gelegentlich lief eine Träne über ihre Wange.“

Magischer Realismus bei Jaroslav Rudiš

Das Bild vom „Bücher fressen“ ist wörtlich zu verstehen und führt in den magischen Realismus Rudiš‘, in dem Figuren in Särgen reisen, Bücher verschlingen und die europäische Kunst sowie Literatur von gefährlichen Kreuzspinnen bedroht werden.

Auf der Friedhofsinsel San Michele treffen Lorenzo und Miss Detroit auf Caspar, einen melancholischen Mann, der erfolglos versucht hatte, seine Ehe durch eine Reise nach Venedig zu retten. Gemeinsam bilden sie das Trio der Friedhofsreisenden.

Zusammen besuchen sie in Städten wie Triest, Ljubljana, Linz, Wien, Prag und Brünn die Gräber bedeutender Persönlichkeiten wie Karl Kraus, Adalbert Stifter, Thomas Bernhard und Heimito von Doderer. Dabei werden sie von den Kreuzspinnen verfolgt, die ebenfalls auf dem Weg zu einem Friedhof sind – allerdings auf Pilgerreise.

Die Kreuzspinnen suchen das anonymisierte Grab von Reinhardt Heydrich, einem zentralen Organisator des Holocaust, der auch als „Henker von Prag“ bekannt ist. Sie tragen alte Fotos seiner Beerdigung bei sich und sprechen von seinen vermeintlichen Heldentaten für das Deutsche Reich. Zudem planen sie, ihm einen Schrein zu errichten und eine Kirche in einem Lausitzer Dorf zu bauen, das Zentrum eines neuen Reiches sein soll, in dem nur Kreuzspinnen leben.

Drei Protagonisten im Kampf gegen die Kreuzspinnen

Jaroslav Rudiš erzählt in seinem Roman eine spannende Geschichte vom klassischen Konflikt zwischen Gut und Böse. Die drei Helden setzen alles daran, die finsteren Pläne der Kreuzspinnen zu vereiteln. Gleichzeitig ist der Roman ein ungewöhnlicher Roadtrip, der sich mit Erinnerungskultur und dem Erzählen von Geschichten beschäftigt, die das Andenken der Verstorbenen lebendig halten.

Wie viele Werke Rudiš‘ widmet sich auch dieser Roman dem reichen kulturellen Erbe Europas und dessen schmerzhafter Vergangenheit. Die Geschichte ist skurril, humorvoll und mit großer Leidenschaft erzählt. Friedhofswasser wird zum Lebenselixier, und die Toten kommunizieren durch Blumen und Wurzeln mit den Lebenden.

Schließlich ist der Roman ein eindringliches Plädoyer für die Literatur, die durch das fortwährende Lesen der Werke verstorbener Dichter die Grenzen zwischen Leben und Tod sowie zwischen Vergangenheit und Gegenwart mühelos überwindet.