Maxim Billers Roman als Beitrag zur Debatte über Antisemitismus
In Deutschland wird intensiv darüber diskutiert, was Antisemitismus bedeutet. Verschiedene Definitionen versuchen, das inhumane Verhalten gegenüber jüdischen Menschen zu erklären oder zu relativieren. Dabei wird häufig Israels Politik als Rechtfertigung herangezogen, um den jahrtausendealten Judenhass in einem neuen, antikolonialistisch gefärbten Kontext darzustellen. Demgegenüber hat der Schriftsteller Maxim Biller einen Roman verfasst, der die wesentlichen Aspekte klar und verständlich darlegt.
Perspektive eines jüdischen Erzählers
Biller, ein deutscher Autor mit jüdischer Familiengeschichte, bietet eine besondere Sichtweise auf die Gegenwart. Aus der Perspektive seines Ich-Erzählers Ari – der auch autobiografische Züge trägt – schildert er, wie es sich anfühlt, als Jude in der heutigen Zeit zu leben. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Ereignisse nach dem 7. Oktober 2023, als fanatische Hamas-Terroristen in Israel ein Massaker an wehrlosen Zivilisten verübten.
„Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen er manchmal hat. Die Öfen von Majdanek. Nagasaki. Der frierende Napoleon in Russland. Und wie sonst soll ich mir das Unvorstellbare erklären, das an einem ruhigen Spätsommertag im Süden Israels passiert ist? Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser biblischen Wucht ausdenken, in Szene gesetzt an Orten wie Kfar Aza, Nahal Oz und Ofakim?“
– Maxim Biller: „Schwarze Samstage“
Massaker als einschneidende Ereignisse der Menschheitsgeschichte
Wenn das Unfassbare eintritt, bleibt oft nur noch der Verweis auf Gott – selbst für diejenigen, die nicht an ihn glauben. Der Ich-Erzähler zieht Parallelen zwischen verschiedenen historischen Zäsuren. Für ihn steht das Massaker der Hamas auf einer Ebene mit dem millionenfachen Völkermord der Nationalsozialisten.
Dabei geht es nicht um einen Vergleich der Opferzahlen, sondern um die ethische Dimension: Das gleiche inhumane Muster und die scheinbare Selbstverständlichkeit des Tötens sind entscheidend. Während die Täter von Auschwitz versuchten, ihre Verbrechen zu verschleiern, präsentierten die Mörder der Hamas ihre Taten offen und stolz – mit problematischen Konsequenzen.
„Warum wurden unmittelbar danach jüdische Häuser zwischen Norden und Süden, Osten und Westen mit blauen Davidssternen und roten Hamas-Dreiecken markiert und so symbolisch ins Visier ihrer Feinde genommen? Warum rissen Studenten in New York und Brüssel die Bilder der nach Gaza entführten Israelis mit stummer Wut herunter, als wären diese die Täter? Wo blieb das universelle Mitgefühl der Welt?“
Aus dem Mangel an Empathie heraus entstand Billers Buch, das sich intensiv mit Unverständnis und Verleumdungen auseinandersetzt – einer Geschichte, die trotz ihres Alters immer wieder neu erzählt werden muss. Es richtet sich auch an nichtjüdische Leserinnen und Leser, um deren Verständnis für die jüdische Perspektive auf gesellschaftliches Verhalten zu fördern.
Antisemitische Ressentiments im Alltag
Die Realität zeigt sich jedoch anders. So berichtet Ari von einem Zeitungsredakteur, der ihn bittet, über die Lage nach dem 7. Oktober zu schreiben, ohne selbst aktiv zu werden. In einem Berliner Café verweigert ein syrischer Mitarbeiter ihm die Bedienung, ohne dass andere eingreifen. Rückblickend reflektiert Ari sein Leben in Deutschland und erinnert sich an Freunde, die sich entfremdeten, eine frühere Partnerin, die sich zurückzog, sowie an einen Nachbarn, der seinen Vater zunächst als „charmanten Gauner“ bezeichnete und später offen antisemitisch wurde: „Was für ein gieriger, hinterhältiger Jude.“
Der 7. Oktober 2023 als neues Pogrom
In seinem Roman argumentiert Maxim Biller überzeugend, dass der 7. Oktober 2023 als Fortsetzung einer langen Reihe von Pogromen gegen Juden zu verstehen ist, die bereits vor Christi Geburt begannen. Diese Gewalttaten lassen sich nicht durch politische Kontexte wie „Freiheitskampf“ oder „Antikolonialismus“ relativieren.
Biller zeigt, dass Antisemitismus stets präsent war – weltweit und zu allen Zeiten, sogar innerhalb jüdischer Gemeinschaften. Er thematisiert historische Massaker, etwa das britische Massaker an Juden im vorstaatlichen Israel, das erste Ereignis, das als „Schwarzer Samstag“ bezeichnet wurde, sowie das Pogrom im Jahr 38 n. Chr. in Alexandria, bei dem jüdische Bewohner von Mobs aus Griechen und Ägyptern attackiert wurden. Ebenso behandelt er das Massaker, das zionistische Spezialeinheiten 1948 im arabischen Dorf Deir Yassin verübten.
So verbinden sich autobiografische und essayistisch-historische Erzählstränge in dem Roman. Ari berichtet von seiner Herkunft und seinem Leben zwischen Hamburg, München und Tel Aviv, was Parallelen zu Billers eigener Biografie aufweist. Gleichzeitig taucht die Erzählung tief in die jüdische Geschichte und den untrennbar damit verbundenen Antisemitismus ein.
„Für mich ist Antisemitismus keine Naturgewalt, keine vorübergehende Erscheinung. Er sitzt in den Körpern der Nichtjuden wie ihre Zungen und Augen. Er ist pathologisch, universell und älter als die beiden großen nichtjüdischen Weltreligionen, die ohne das Judentum nie entstanden wären.“
– Maxim Biller: „Schwarze Samstage“
Juden als Sündenböcke – eine zeitlose Problematik
Biller analysiert Judenhass sowohl theologisch als auch psychologisch. Er beschreibt, dass der Jude aus der Gesellschaft verschwinden müsse, damit die anderen Ruhe finden könnten. Denn der Jude habe den Monotheismus verbreitet und die barbarischen Götter abgeschafft, was ihn zu einer störenden Figur mache. Seine Friedfertigkeit und Moralität seien für diese Welt zu viel. Wenn er sich nach Jahrhunderten der Verfolgung zur Wehr setze, werde er als Weltschuldiger diffamiert.
Antisemitismus erscheint bei Biller als unausweichliches Phänomen. Sein Protagonist Ari, trotz seiner Intelligenz, Frechheit und Lebenserfahrung, wirkt angesichts dessen verletzlich – wie ein Lamm vor dem nächsten großen Opferfest.
Solange diese tief verwurzelten Sündenbockmechanismen in der Gesellschaft fortbestehen und sich die Solidarität mit jüdischen Menschen in Deutschland auf Sonntagsreden und wohlwollende Buchrezensionen beschränkt, wird Maxim Biller weiterhin schreiben müssen. Leider – und unverzichtbar.


















