Verschwinden in Istanbul: Ein junger Mann und seine Geschichte
In Istanbul verschwindet ein junger Mann spurlos – ein Ereignis, das leider immer häufiger vorkommt. Der Betroffene, Güneş, ist 31 Jahre alt, türkischer Ingenieur und Familienmensch. An einem gewöhnlichen Tag verließ er sein Fitnessstudio, das er regelmäßig viermal pro Woche besuchte, und machte sich auf den Weg zu seiner Singlewohnung mit Blick auf den Bosporus.
Die Mutter betrachtete still weinend im Polizeipräsidium das letzte von der Studiokamera aufgenommene Bild ihres Sohnes, auf dem er mit Schirmmütze und einer schwarzen Ledersporttasche über der Schulter zu sehen war. Ein instinktives Gefühl, das nur Mütter kennen, ließ sie ahnen, dass sie ihren Sohn niemals wiedersehen würde.
Homosexualität und Militärdienst
Nach einiger Zeit wird die Leiche von Güneş gefunden. Der Ich-Erzähler des Romans, der wie der Autor Barbaros Altuğ seit über zehn Jahren im Exil in Deutschland lebt, erfährt von Güneş’ Verschwinden auf ungewöhnliche Weise.
Ich erfuhr von Güneş’ Verschwinden, als ich versehentlich in die falsche Straßenbahn stieg und währenddessen mit meinem Smartphone im Internet surfte. Abgesehen vom Namen hatten wir kaum Gemeinsamkeiten: Ich bin ein Autor in den Fünfzigern, lebe in Berlin, während er 20 Jahre jünger war und als Ingenieur bei den türkischen Streitkräften tätig – einer Institution, die mich als schwulen Mann niemals aufgenommen hätte.
Der Erzähler reist nach Istanbul, um den Verbleib seines Namensvetters zu klären. Dabei wird er mit offen geäußerten Vorurteilen und brutalen Einstellungen gegenüber Homosexuellen konfrontiert, die ihn einst zur Flucht nach Westeuropa bewogen hatten. Auf einer Polizeistation wird er sogar verbal attackiert:
„Weißt du, Schreiberling, wir lieben unser Land und haben es nicht im Stich gelassen. Ich dulde keine abfälligen Zeilen darüber – weder von dir noch von jemand anderem.“ Nach einer kurzen Pause fügte der Polizist hinzu: „Wenn du über dein Land schreiben willst, dann über seine Schönheit, die Strände, die Küche und die heldenhaften anatolischen Männer, die im Freiheitskampf ihr Leben gaben.“
Diskriminierung sexueller Minderheiten in der Türkei
Die Aussagen des chauvinistischen Polizisten erinnern an die Werbekampagnen der türkischen Tourismusbranche, die besonders in Deutschland um Urlauber wirbt. Dabei wird übersehen, dass die Türkei sich zunehmend in Richtung Autokratie entwickelt, in der nicht nur politische Gegner unterdrückt, sondern auch sexuelle Minderheiten systematisch verfolgt werden.
Ahmet wurde in Istanbul von seinem eigenen Vater getötet, weil er Männer liebte. Cevat wurde mit 14 Messerstichen in seinem Zuhause aufgefunden. Deniz’ Mörder fuhren nach der grausamen Tat mit seinem Auto durch die Stadt. Dazu kommen hunderte weitere Fälle, deren Namen unbekannt bleiben und deren Schicksale nie aufgeklärt werden – Menschen, die nach einem Grindr-Treffen verschwanden oder unter Brücken zusammengeschlagen wurden.
Diese erschütternden Berichte bilden nur einen Teil des Romans. Barbaros Altuğ verfolgt mit seinem Werk jedoch nicht nur das Ziel, den Alltag sexueller Minderheiten in der Türkei schonungslos darzustellen, sondern schafft eine literarisch anspruchsvolle und komplexe Spurensuche.
Zwischen den Kapiteln finden sich kurze Passagen mit Zitaten aus Thomas Manns „Der Tod in Venedig“. Bereits als Motto wählte Altuğ einen Satz aus Manns Novelle, der lautet: „Die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.“
Der Autor verbindet die realistische Erzählweise mit eigenen philosophischen und teilweise lyrischen Reflexionen.
Die Figur Gustav von Aschenbach in Istanbul
Der Ich-Erzähler, ein älterer Mann, sieht sich bei einer Begegnung mit einem jungen Mann in einem Café in Istanbul in der Rolle des Tadzio-Anbeters aus Thomas Manns Novelle wieder.
Sein Anblick ließ mich zwar nicht mein Alter vergessen, doch er weckte in mir etwas Vergangenes: nicht Hoffnung, sondern das, was der Hoffnung vorausgeht – das Gefühl einer Möglichkeit. Wie Aschenbach war auch ich in einem fremden Land und verband die Wärme eines fremden Körpers mit Bedeutung.
Ob die Einbindung der Zitate aus „Tod in Venedig“ unbedingt notwendig war, kann diskutiert werden. Die poetische Kraft von Altuğs sorgfältig komponierten und von Johannes Neuner ins Deutsche übertragenen Texten ist auch ohne die Anspielung auf den Lübecker Schriftsteller beeindruckend.
Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Grausamkeiten der Unterdrückung von Homosexuellen in der Türkei mit Erinnerungen an Jugend und erste Liebe zu verweben. Themen wie Angst vor dem Älterwerden, Einsamkeit, existentielle Fragen im Exil sowie Überlegungen zu Liebe, Zuneigung und Freundschaft werden sensibel behandelt.
Barbaros Altuğ verbindet in seinem neuen Werk auf überzeugende Weise die äußere Realität mit der inneren Perspektive seiner Hauptfigur. „Die dunkelste Nacht eines langen Winters“ ist ein beeindruckender und angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Türkei ein hochrelevanter Roman über unsere Gegenwart.




















