Die zerstörerische Dynamik narzisstischer Beziehungen im Kontext von Compliance und Rechtsprechung

Das Verhaltensmuster narzisstischer Persönlichkeiten in Partnerschaften

Camille Laurens beschreibt in ihrem Roman ein typisches Dreistufenmodell, das das Verhalten krankhafter Narzissten in Beziehungen prägt: Zunächst erfolgt die Verführung und Idealisierung, gefolgt von Herabwürdigung und schließlich der Vernichtung des Partners.

Die Beziehung zwischen Claire und Gilles

Dieses Muster spiegelt sich auch in der intensiven Beziehung zwischen der Schriftstellerin Claire und dem Regisseur sowie Marionettenspieler Gilles wider. Beide sind um die 50, haben bereits gescheiterte Partnerschaften hinter sich und sind eigentlich skeptisch gegenüber der Liebe. Doch an einem Silvesterabend in Paris begegnen sie sich zufällig, und Claire verliebt sich sofort und leidenschaftlich:

„Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so gezielt darauf aus war, mich zu verführen, und der so genau wusste, wie sehr er mir gefiel. Dieses Lächeln! Wir sind zwar nicht mehr jung, aber man muss uns jung vorstellen, denn das Alter spielt hier keine Rolle. Wir kannten uns erst sechs Monate, und doch schien uns die Ewigkeit zu erwarten.“

Von Liebe zu Rivalität und Gewalt

Camille Laurens untersucht anhand eines Gerichtsverfahrens, wie aus dieser leidenschaftlichen Liebe eine zerstörerische Rivalität und schließlich ein Gewaltexzess entstehen kann. Die Geschichte wird überwiegend aus Claires Ich-Perspektive erzählt. Sie befindet sich in Untersuchungshaft und wird des versuchten Mordes an Gilles beschuldigt, der nach einem Streit im gemeinsamen Ferienhaus im Koma liegt.

Verlust und schmerzhafte Beziehungen

Claire weist zahlreiche Parallelen zur Autorin Camille Laurens auf: Beide sind Schriftstellerinnen und Literaturwissenschaftlerinnen, haben einen Kindstod erlebt und verarbeiten diesen sowie schmerzhafte Männerbeziehungen literarisch.

Darüber hinaus gerät Claire in eine öffentliche Auseinandersetzung mit einer Kollegin und wird von ihrem Ex-Mann aufgrund eines autofiktionalen Romans verklagt. Camille Laurens gilt als Wegbereiterin der modernen Autofiktion und treibt in „Was wir uns versprechen“ die Vermischung von Realität und Fiktion auf die Spitze. Claire, die Ich-Erzählerin, ist überzeugt, dass nur das Erzählen über die Wirklichkeit zur Wahrheit führt:

„Alle fürchten die Wahrheit. Man nähert sich ihr nur zögerlich und widerwillig, versucht ihr auszuweichen. Man will sie nicht, man sucht seinen Frieden – oder besser gesagt seine Ruhe. Die Wahrheit ist ein Risiko, und man möchte um jeden Preis Ruhe bewahren. Doch ein Roman darf die Wahrheit nicht verraten, sonst verliert er seinen Sinn. Er muss sich ihr stellen, egal wie sie aussieht. Wenn Sie nicht schreiben, um sie zu suchen, schreiben Sie nicht. Und wenn Sie nicht lesen, um ihr näherzukommen, wozu dann?“

Der Roman betrachtet das Scheitern der Beziehung zwischen Gilles und Claire aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Während des Gerichtsprozesses werden Zeugen befragt, Gutachten eingeholt und juristische Verhandlungen geführt.

Ein tragischer Urlaub als Wendepunkt

Der Roman von Camille Laurens ist vielschichtig und anspruchsvoll. Neben lyrischen Passagen enthält er Albträume, Erinnerungen, Fantasien und innere Monologe. Ziel ist es, die zerstörerische Dynamik des einstigen Traumpaares zu analysieren und juristisch zu bewerten, ob Claires Gewaltakt nach fünf Jahren Beziehung als Mordversuch oder Notwehr einzustufen ist.

Das Unglück nimmt bereits im ersten gemeinsamen Urlaub an der Côte d’Azur seinen Anfang, als erste charakterliche Differenzen und Gilles’ Unehrlichkeit offenbar werden. Claire führt die Konflikte zunächst auf eigene Schwächen zurück:

„Ich dachte, das Problem lag bei mir: meine Ironie, mein ständiges Zweifeln, das Spötteln und Hinterfragen von Konventionen, mein Wunsch, anders zu sein als die Masse. Nun ging es darum, die Gegenwart der Liebe zu genießen, Gilles als Vorbild zu nehmen und in kleinen Momenten Freude zu finden – so einfach war das. Er sollte mein Lehrmeister im Glück sein.“

Doch Gilles, der von Laurens als Marionettenexperte gezeichnet wird, entpuppt sich als narzisstischer Lügner und Manipulator, der versucht, Claire sowohl beruflich als auch persönlich zu kontrollieren und zu erniedrigen. Diese Darstellung stammt aus Claires Sicht und wird von ihrer besten Freundin, einer engagierten Feministin, bestätigt.

Kritik an der Figurenzeichnung

Ein Schwachpunkt des Romans sind die teilweise überzeichneten Charaktere. Gilles wird ausschließlich durch Claires subjektive Wahrnehmung porträtiert, wodurch ein einseitiges Bild entsteht.

„Die Wahrheit! Du benutzt kein anderes Wort. Welche Wahrheit denn? Nur deine eigene. Die Wahrheit, die du in deinen Autofiktionen behauptest! Mein Verständnis von Wahrheit ist ein anderes. Dein Ich-Ich-Ich-Geschwafel, falls du es wirklich wissen willst – da dir die ‚Wahrheit‘ so wichtig ist –, ist kompletter Unsinn.“

Im Prozess können außer Gilles’ heimlicher Affäre keine weiteren Anschuldigungen gegen Claire bestätigt werden. Unbestritten bleibt jedoch, dass beide ihre Versprechen gebrochen haben: Er betrog sie, sie verarbeitet die Beziehung als literarisches Material.

Ein schonungsloser Liebesthriller

„Was wir uns versprechen“ ist ein scharfzüngiger Liebesthriller, der die Illusion romantischer Liebe gnadenlos entlarvt. Am Ende der literarischen Auseinandersetzung mit der Eskalation einer obsessiven Beziehung steht eine ernüchternde Erkenntnis: Erfolgreiche Partnerschaften – ebenso wie Literatur – setzen die Bereitschaft voraus, sich auf Täuschungen einzulassen.