Fukuyama und die Herausforderung der liberalen Demokratie im Zeitalter der Langeweile

Francis Fukuyama und die Debatte um das „Ende der Geschichte“

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama erlangte 1989 Bekanntheit durch seinen Aufsatz „Das Ende der Geschichte“. Darin vertrat er die These, dass sich nach dem Kalten Krieg das Modell der liberalen Demokratie weltweit durchsetzen werde.

Diese Prognose hat sich jedoch nicht erfüllt. Bis heute wird Fukuyama mit der Frage konfrontiert, wie er sich so irren konnte und ob er seine These revidieren wolle. Zu Beginn seines neuen Buches „Der letzte Mensch“ äußert er sich dazu und empfindet die Kritik als ungerecht, da viele Leser seinen ursprünglichen Aufsatz nicht vollständig gelesen hätten.

In der abschließenden Passage seines Aufsatzes beschreibt Fukuyama, dass nach dem „Ende der Geschichte“ der sogenannte „letzte Mensch“ auftreten werde. Dieser kämpfe nicht mehr für Gerechtigkeit oder wirtschaftlichen Wohlstand, sondern beginne aus Langeweile gegen Frieden, Wohlstand und Demokratie zu opponieren.

Da wir nun seit fast vier Jahrzehnten in dieser Phase leben, reflektiert Fukuyama in seinem neuen Werk sowohl die gegenwärtige Epoche als auch sein eigenes Leben. Durch die Darstellung seiner Biografie und Familiengeschichte erläutert er, wie er zu seiner These gelangte und warum er diese weiterhin für gültig hält.

Herkunft und intellektuelle Prägung

Francis Fukuyama wurde 1952 in Chicago geboren und wuchs in einem strikt westlich geprägten Umfeld auf, da seine Eltern aus Japan stammten, aber ausschließlich Englisch mit ihm sprachen. Aus diesem Grund beherrscht er bis heute kein Japanisch. Er studierte Klassische Altertumswissenschaften und entwickelte sich zu einem Verfechter des westlichen Geisteskanons.

Für ihn stellt dieser Kanon ein Bollwerk gegen den Relativismus der sogenannten „postmodernen“ Wissenschaftsströmungen dar, oder zumindest gegen das, was er dafür hält. Zu seinen prägenden Lehrern zählten unter anderem Allan Bloom, der bereits in den 1980er Jahren den Bildungszerfall in den USA kritisierte, sowie der Philosoph Leo Strauss.

Fukuyamas Beschreibung der Entstehung seines konservativen Denkens anhand der Werke dieser Denker ist aufschlussreich. Allerdings wirken seine abwertenden Bemerkungen gegenüber intellektuellen Konkurrenten, wie etwa die pauschale Kritik an Jacques Derrida als „destruktiver Hochstapler“, gelegentlich überheblich. Dabei übersieht er, dass Derrida mit seinem Werk „Marx’ Gespenster“ bereits in den 1990er Jahren eine differenzierte Kritik am „Ende der Geschichte“ vorlegte.

Staatliches Misstrauen und seine Folgen

Weniger überzeugend sind die ausführlichen Passagen, in denen Fukuyama über seine eher gewöhnlichen Hobbys wie Schreinern und Fotografieren berichtet. Besonders wertvoll sind hingegen die Abschnitte, in denen er sich als Politikwissenschaftler mit der US-amerikanischen Politik nach dem 11. September 2001 auseinandersetzt.

Er analysiert, warum die USA nach dem „War on Terror“ im Irak und in Afghanistan nicht in der Lage waren, stabile staatliche Strukturen zu etablieren. Seine Erklärung ist einfach und nachvollziehbar: Die verantwortlichen Entscheidungsträger kamen aus einer politischen Kultur, die dem Staat grundsätzlich misstraut.

Dieses Misstrauen sei sowohl bei republikanischen Politikern als auch bei postmodernen Philosophen an Elite-Universitäten verbreitet. Viele von ihnen betrachteten den Staat als „kaltes Monster“ und verherrlichten stattdessen die Freiheit der Anarchie. Fukuyama kommentiert hierzu nüchtern: „Afghanistan und der Irak waren Anfang der 2000er Jahre staatenlose Gesellschaften und keineswegs friedlich oder glücklich.“

Die Notwendigkeit, Bürokratie wertzuschätzen

Unter der Präsidentschaft Donald Trumps habe sich diese Abneigung gegenüber staatlichen Institutionen zu einem ernsthaften Problem entwickelt. Trumps Politik zielte darauf ab, staatliche Strukturen zu schwächen, um eine Oligarchie zu etablieren, in der Macht und Wohlstand in den Händen weniger konzentriert sind.

Fukuyama plädiert daher – und dies stellt eine ungewöhnliche Wendung dar – dafür, „wieder zu lernen, die Bürokratie zu lieben“. Nur leistungsfähige Bürokratien mit klar definierten Zuständigkeiten und Entscheidungsprozessen könnten ein Gemeinwesen so stabilisieren, dass die aus Langeweile entstehenden Konflikte die Gesellschaft nicht zerstören.

Ob „Langeweile“ tatsächlich der passende Begriff zur Beschreibung der Motivation hinter aktuellen politischen Auseinandersetzungen ist, bleibt fraglich. Insgesamt wirken Fukuyamas Versuche, seine frühere Geschichtsphilosophie zu retten, nicht durchgängig überzeugend.

Dennoch ist sein Entwurf einer konservativen Staatsphilosophie bemerkenswert, die den liberal-demokratischen Staat sowohl gegen libertäre als auch gegen autoritäre Kritiker verteidigt. Fukuyama betont, dass keine andere Gesellschaftsform den Menschen in vergleichbarem Maße ermögliche, Anerkennung und Respekt als Grundlage politischen Handelns zu etablieren.

Abschließend empfiehlt sich dieses lesenswerte Buch insbesondere für konservative Leser, die derzeit verstärkt Sympathien für antiliberale Positionen entwickeln.