Zwei Frauen auf der Flucht – Garry Dishers „Zuflucht“ und die Suche nach Identität**

In seinem neuesten Kriminalroman „Zuflucht“ bringt der australische Autor Garry Disher die faszinierende Figur der Grace Latimore zurück, die bereits in seinem vorherigen Werk „Leiser Tod“ eingeführt wurde. Diese Meisterdiebin hat sich als unvergesslicher Charakter etabliert, und Disher gelingt es erneut, die Leser in die aufregende Welt der Kriminalität und der inneren Konflikte einzuführen. Grace, eine talentierte Diebin in ihren Zwanzigern, hat in ihrem bisherigen Leben bereits einige herbe Enttäuschungen erlebt, insbesondere in Bezug auf Männer, was sie zu einem unkonventionellen Leben als Outlaw führt.

Die Geschichte entfaltet sich um das Thema der Briefmarken, deren Sammlerwert exorbitante Höhen erreichen kann. Grace, die sich für diesen speziellen Coup als Sue Wilson ausgibt, trifft in einem eleganten Hotel in Brisbane auf ihren ehemaligen Partner Adam Garrett, der sie als Anita kennt. Diese unerwartete Begegnung zwischen den beiden ehemaligen Komplizen, die in ihrer Kindheit im selben Waisenhaus aufwuchsen, bringt eine Welle von Erinnerungen und Emotionen mit sich. Grace hat Adam noch eine wertvolle Uhr schulden, was die Situation zusätzlich kompliziert. Die Dynamik zwischen den beiden Charakteren wird von einem tiefen Gefühl der Enttäuschung und dem Drang, sich aus der Vergangenheit zu befreien, geprägt.

Nach diesem schockierenden Treffen sieht sich Grace gezwungen, Brisbane zu verlassen und ein neues Leben in einem kleinen Ort in den Adelaide Hills zu beginnen. Dort trifft sie auf Erin Mandel, die, ebenso wie Grace, vor einem Mann flieht und unter einem falschen Namen lebt. Erin, die an einer Form von Agoraphobie leidet, vertraut Grace bald ihre geschäftlichen Angelegenheiten an und ermutigt sie, das Antiquitätengeschäft zu leiten. Diese neue Freundschaft bietet Grace nicht nur eine berufliche Perspektive, sondern auch die Möglichkeit, sich von ihrer kriminellen Vergangenheit zu distanzieren. Doch Erins Geheimnis – dass auch sie auf der Flucht ist – wirft einen Schatten auf ihre Beziehung.

Garry Disher versteht es meisterhaft, mehrere Erzählstränge zu verweben und die Geschichten der beiden Frauen miteinander zu verbinden. Grace ist nicht nur auf der Flucht vor den Behörden, sondern auch vor ihrer eigenen Vergangenheit, die sie immer wieder einholt. Ihr Traum von einem normalen Leben, einem sicheren Zuhause und einer Familie scheint unerreichbar, da sie sich ständig anpassen und verstecken muss. Die Erinnerungen an ihre Kindheit in einem von Instabilität geprägten Umfeld treiben sie an und hindern sie zugleich daran, Frieden zu finden.

Parallel zur Geschichte von Grace und Erin wird auch die Perspektive von Detective Senior Constable Desmond Liddington eingeführt, der kurz vor seiner Pensionierung steht. In der malerischen Umgebung des Barossa Valley, bekannt für seine Weingüter, widmet er sich der Aufklärung von Verbrechen, die in seinem Revier geschehen. Liddington, der mit seiner jüngeren Kollegin Gabi Richter zusammenarbeitet, bleibt trotz seines fortgeschrittenen Alters scharfsinnig. Als er einer kriminellen Gruppe auf die Spur kommt, die durch Versicherungsbetrug und andere Delikte agiert, wird er selbst zur Zielscheibe. In einem spannenden Wendepunkt der Geschichte ist es Grace, die Liddington das Leben rettet, was die Verflechtungen zwischen den Charakteren weiter vertieft.

„Zuflucht“ thematisiert nicht nur die Flucht vor der Vergangenheit, sondern auch die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Beide Frauen sind auf der Suche nach einem Platz, an dem sie sich sicher fühlen können. Garry Disher gelingt es, diese komplexen Emotionen und die Herausforderungen, die mit ihrer Lebensweise verbunden sind, eindringlich darzustellen. Am Ende bleibt die Frage offen, ob Grace und Erin jemals die Freiheit und den Frieden finden werden, nach dem sie sich sehnen.

Insgesamt ist „Zuflucht“ ein fesselnder Kriminalroman, der mit seinen vielschichtigen Charakteren und der spannenden Handlung überzeugt. Garry Disher schafft es, die Leser auf eine emotionale Reise mitzunehmen, die sowohl aufregend als auch nachdenklich stimmt. Es ist ein Buch, das nicht nur die Abenteuer von zwei Frauen in einer gefährlichen Welt erzählt, sondern auch die universellen Themen von Verlust, Sehnsucht und der Suche nach einem wirklichen Zuhause behandelt.