Claire Lynchs Roman „Familiensache“ entführt die Leser in die bewegte Welt einer lesbischen Beziehung in den 1980er Jahren in Großbritannien. Die Geschichte beginnt in einer beschaulichen englischen Provinz, wo das Leben der jungen Familie von Dawn, ihrem Ehemann Heron und ihrer kleinen Tochter Maggie zunächst harmonisch erscheint. Doch diese Idylle wird jäh gestört, als Dawn auf einem Flohmarkt der charmanten Lehrerin Hazel begegnet. Die Anziehung zwischen den beiden Frauen ist sofort spürbar und entfaltet sich in tiefen Gesprächen und unbeschwertem Lachen. Doch je mehr Dawn sich in Hazel verliebt, desto mehr gerät ihr bisheriges Leben aus den Fugen.
Die Entscheidung, sich zu ihrer Liebe zu Hazel zu bekennen, führt zu einem emotionalen Konflikt mit ihrem Ehemann Heron, der nicht nur verletzt ist, sondern Dawn auch aus ihrer gemeinsamen Wohnung ausgrenzt. In den 1980er Jahren, einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen noch stark tabuisiert waren, wird Dawns Geständnis zu einem gesellschaftlichen Skandal. Diese moralische Verurteilung bedroht nicht nur ihre Reputation, sondern auch die Beziehung zu ihrer Tochter Maggie, die unter den Folgen der Trennung zu leiden hat.
Im Roman wird schnell deutlich, dass die Auseinandersetzung um das Sorgerecht für Maggie eine zentrale Rolle spielt. Claire Lynch thematisiert in „Familiensache“ die Herausforderungen, vor denen Dawn steht, während sie gegen die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit ankämpft. Der Titel des Buches deutet bereits auf die bevorstehenden rechtlichen Auseinandersetzungen hin, die nicht nur die Scheidung betreffen, sondern auch den seelischen Kampf um das Wohl des Kindes.
Ein zweiter Erzählstrang spielt in der Gegenwart, genauer gesagt in den Jahren 2022/2023, und beleuchtet das Leben von Maggie und ihrem Vater Heron. Zu Beginn wird Heron mit einer schweren Krebsdiagnose konfrontiert, die er vor seiner Tochter geheim hält. Diese Diagnose zwingt ihn, sich seinen eigenen Geheimnissen zu stellen und die Wahrheit über die Vergangenheit zu offenbaren. Es entsteht die Frage: Welche Geheimnisse hat er über die Jahre hinweg verborgen? Die Leser können miterleben, wie Heron sich allmählich mit seinen Fehlern auseinandersetzt, während Maggie, die seit Jahrzehnten im Ungewissen über das Schicksal ihrer Mutter lebt, gleichzeitig mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Vergangenheit konfrontiert wird.
Die komplexe Beziehung zwischen Maggie und ihrem Vater wird durch die Enthüllungen über die Vergangenheit zusätzlich belastet. Maggie hat als Erwachsene zwar ihre eigenen Kinder, doch die Wunden ihrer Kindheit sind nie ganz verheilt. Sie pflegt eine enge Bindung zu Heron, die jedoch von unausgesprochenen Wahrheiten und unerledigten Fragen geprägt ist. Während Maggie versucht, ihre eigene Familiengeschichte zu verstehen, wird sie mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Vater sie über die Abwesenheit ihrer Mutter belogen hat. Diese Erkenntnis wirft einen Schatten auf ihr Leben und zwingt sie, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Lynch gelingt es meisterhaft, die beiden Erzählstränge miteinander zu verweben. Sie kontrastiert die schmerzhafte Trennung von Dawn und Heron mit Maggies langsamer Entdeckung der Wahrheit über ihre Mutter. Durch alltägliche Szenen, wie die Interaktionen zwischen Maggie und ihrem Sohn, gelingt es der Autorin, tiefere Lebensweisheiten zu vermitteln und die Leser zum Nachdenken über ihre eigenen Beziehungen anzuregen.
In einem eindrucksvollen Anhang bietet Lynch zudem einen historischen Überblick über die rechtlichen Herausforderungen, mit denen gleichgeschlechtliche Paare konfrontiert waren. Diese historischen Kontexte unterstreichen die Bedeutung von Dawns und Hazels Beziehung und zeigen auf, wie sich gesellschaftliche Normen im Laufe der Zeit verändert haben.
„Familiensache“ ist nicht nur eine bewegende Liebesgeschichte, sondern auch ein prägnantes Porträt menschlicher Beziehungen. Claire Lynch gelingt es, die alltäglichen Herausforderungen von Familienleben und Liebe in einer Weise darzustellen, die sowohl berührend als auch zum Nachdenken anregend ist. Leser, die sich auf diese emotionale Reise einlassen, werden mit einem tiefen Verständnis für die Komplexität von Liebe, Verlust und Versöhnung belohnt.





