Der goldene Faden von Han Kang: Eine poetologische Selbstbestimmung zwischen Liebe und Natur

Han Kangs Band „Der goldene Faden“: Eine literarische und persönliche Reflexion

Der Sammelband „Der goldene Faden“ vereint Han Kangs Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 2024 sowie ihre Dankesworte. Das Werk gliedert sich in drei unterschiedliche Abschnitte, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Der erste Teil enthält essayistische Texte rund um die Nobelpreisverleihung, der zweite Abschnitt präsentiert fünf Gedichte, und der abschließende Teil widmet sich hauptsächlich Tagebucheinträgen über den kleinen Garten, den die Autorin in ihrer Heimatstadt Seoul angelegt hat.

Ein Rückblick auf die Anfänge

Die Eröffnungsrede beginnt mit einer bemerkenswerten Entdeckung: Han Kang findet in einem alten Schuhkarton ein selbstgebundenes Heft, das sie im Alter von acht Jahren mit eigenen Gedichten gefüllt hatte. Aus einem dieser frühen Werke zitiert sie:

„Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.
Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.“

Aus „Der goldene Faden“

Dieser Blick zurück auf ihr lyrisches Frühwerk markiert den Beginn einer poetologischen Selbstreflexion. Han Kang führt den Leser durch ihre Romane und lässt uns an den zentralen Fragestellungen teilhaben, die sie über Jahre hinweg bei der Arbeit an ihren Büchern begleiteten. Dabei geht es ihr nicht um endgültige Antworten, sondern um jene Momente der inneren Wandlung. So stellte sie sich beim Schreiben des Romans „Menschenwerk“, der das Massaker von Gwangju im Mai 1980 thematisiert, folgende Fragen:

„Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen?
Können die Toten die Lebenden retten?“

Aus „Der goldene Faden“

Die Liebe als zentrales Motiv

Der Roman „Unmöglicher Abschied“ wurde von der Unsicherheit geprägt, wo unsere Grenzen liegen und wie tief die Liebe sein muss, um die Menschlichkeit zu bewahren. Trotz der oft grausamen historischen Ereignisse, die Han Kang in ihren Werken schildert, und der intensiven Betrachtung einzelner Schicksale im gesellschaftlichen Kontext, bleibt die Frage nach der Liebe ihr grundlegendes Anliegen – eine Frage, die sie bereits als Kind bewegte: Wo befindet sich die Liebe? Was bedeutet sie? Für Han Kang ist dies „der älteste und grundlegendste Akkord meines Lebens.“

Obwohl diese Erkenntnis auf den ersten Blick naiv erscheinen mag, steht sie im bewussten Kontrast zu den vielschichtigen und komplexen Romanen der Autorin. Die Einfachheit ist dabei kein Mangel, sondern ein bewusstes Stilmittel, das sich auf das Wesentliche und zentrale Motive konzentriert.

Gedichte als Fortführung des goldenen Fadens

Besonders deutlich wird dies in den fünf Gedichten, die den „goldenen Faden“ von Han Kangs Kindheit bis in die Gegenwart weiterführen. Diese Verse reflektieren über Hoffnung, Schmerz sowie den Übergang zwischen Schreiben und Leben und thematisieren die Wahrnehmung des Leichten und Flüchtigen:

„Anders als all die anderen Schneeflocken,
fielst du nicht einfach senkrecht,
sondern breitetest irgendwie
deine Flügel zu mir hin aus.
Und dann – wohin bist du gegangen?
Ich habe dich nie wiedergesehen.“

Aus „Der goldene Faden“

Geduld und Demut im Garten

Ein besonders eindrucksvoller Abschnitt des Buches widmet sich Han Kangs Erfahrungen mit ihrem kleinen Garten, der sich auf der Nordseite ihres Hauses in Seoul befindet. Trotz der begrenzten Sonneneinstrahlung pflanzt sie dort verschiedene Pflanzen wie den „Miss Kim“-Flieder, Fächer-Ahorn, Schneeballhortensie und Funkien. Um die Pflanzen ausreichend mit Licht zu versorgen, richtet sie Spiegel so aus, dass sie das Sonnenlicht umlenken. Diese Spiegel müssen alle 15 Minuten neu justiert werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Die dazugehörigen Tagebuchnotizen zeichnen sich durch eine fast meditative Ruhe und Einfachheit aus. Manche Einträge wirken unscheinbar, andere wiederum strahlen eine besondere Tiefe aus, wie das folgende Beispiel zeigt:

„Es gibt diesen durchscheinenden hellgrünen Schimmer, der entsteht, wenn die Sonne durch Blätter fällt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, überkommt mich eine urtümliche Freude, die mir eingebrannt zu sein scheint in die Gene des Menschen, der seit jeher von Pflanzen umgeben lebt. Von dieser Freude gefangen unterbreche ich das Schreiben und gehe jede Viertelstunde in den Hof hinaus, um die Spiegel neu auszurichten, bis kein Licht mehr einzufangen ist.“

Aus „Der goldene Faden“

Zentrale Fragen und eine behutsame Sprache

Im letzten Teil des Bandes stehen grundlegende Fragen nach unserem Platz in der Welt und der Beziehung zur Natur im Mittelpunkt. Diese Themen knüpfen an die bereits erwähnte Suche nach der Liebe an, die Han Kang seit ihrer Kindheit begleitet. Obwohl der Band keine tiefgreifenden intellektuellen Erkenntnisse liefert, besticht er durch eine behutsame und fokussierte Sprache. Wie das Sonnenlicht, das im Garten über Spiegel gelenkt wird, richtet sich die Sprache gezielt auf das Wesentliche und lädt zur Reflexion ein.