Gombrowicz zwischen Polen und Argentinien: Erinnerungen und Streifzüge eines Schriftstellers

Witold Gombrowicz: Leben zwischen Polen und Argentinien

Witold Gombrowicz verbrachte die bedeutendsten Phasen seines Lebens in zwei Ländern, die im Titel seiner beiden Textsammlungen genannt werden. Geboren 1904 unter russischer Herrschaft, wuchs er im 1918 wiedergegründeten Polen auf. Im Jahr 1939 verließ der vielversprechende junge Schriftsteller Europa und emigrierte nach Argentinien, nachdem sein Heimatland von Hitler und Stalin ausgelöscht worden war.

Gombrowicz blieb 24 Jahre lang, bis 1955, in Südamerika. Anfangs lebte er unter sehr einfachen Bedingungen, später verbesserte sich seine Lage etwas. Dennoch vermitteln die „Polnischen Erinnerungen“ und die „Argentinischen Streifzüge“ den Eindruck, dass er das Leben in der Fremde, die Isolation und die Außenseiterrolle auch genoss.

Konflikt und Distanz

Die beiden Werke entstanden zwischen 1959 und 1961, während Gombrowicz noch in Buenos Aires lebte. Seit 1953 veröffentlichte er sein „Tagebuch“ in der bedeutenden polnischen Exilzeitschrift „Kultura“ in Paris. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schrieb er zudem Feuilletons für Radio Free Europe sowie unvollständig erhaltene Erinnerungen.

Diese Beiträge wurden jedoch nie ausgestrahlt und erst 1977, acht Jahre nach seinem Tod, gemeinsam in Paris auf Polnisch veröffentlicht. Gombrowicz stand dem Sozialismus kritisch gegenüber und hielt bewusst Distanz zu diesem System – eine Haltung, die nicht ohne Gegnerschaft blieb.

Die Suche nach Form und Identität

In den „Polnischen Erinnerungen“ schildert Gombrowicz seine Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahre als „verwöhntes Kind“ einer angesehenen Familie. Dabei dekonstruiert er auf amüsante Weise das Bild der „Ehrbarkeit“. So beschreibt er seinen Vater als gut aussehenden Landadligen mit begrenztem Intellekt, der vor allem für repräsentative Aufgaben geeignet sei.

Die psychisch erkrankte Mutter lebt in einer eigenen, fantastischen Welt, was die Kinder zu unverblümtem Widerspruch herausfordert – sei es im Namen der Wahrheit oder auch der Übertreibung. Daraus entstehen umfangreiche Dialoge voller absurdem Humor und scharfsinniger Dialektik.

Viele pointierte und teils überraschend komische Anekdoten zeichnen ein Bild einer aufgeheizten Atmosphäre, die Gombrowicz’ lebenslange Auseinandersetzung mit der „Form“ – sowohl in der Kunst als auch im Leben – nachvollziehbar macht.

Bemerkenswert ist, dass historische Erklärungen weitgehend fehlen. Das Polen der 1920er-Jahre, geprägt von einer raschen Amerikanisierung und Demokratisierung, wird ohne zeitliche Einordnung dargestellt. Dadurch wird der Leser angeregt, eigene Interpretationen vorzunehmen, ohne eingeengt zu werden.

Als junger Autor bewegte sich Gombrowicz in der literarischen Szene Warschaus mit einer fast familiären Vertrautheit. Er widersprach, spielte psychologische Spielchen und provozierte bewusst. Obwohl er nicht immer angenehm war, galt er als begnadeter Provokateur, der durch Konfrontation Erkenntnis bei sich selbst und anderen suchte.

Ein Blick ins Herz Südamerikas

Im Vergleich dazu sind die „Argentinischen Streifzüge“ eher leichtfüßig gehalten. Gombrowicz beschreibt die Nationalcharaktere der Südamerikaner und der polnischen Einwanderer – insbesondere in Bezug auf Frauen, Alkohol und Fußball – mit großer Lebendigkeit. Er schildert die Natur des Kontinents eindrucksvoll und führt den Leser in dessen „dunkles Herz“. Die Streifzüge enden mit Feuilletons über den Existenzialismus, wobei Gombrowicz sich bewusst über Konventionen hinwegsetzt. Er betont selbstbewusst, ein großer Schriftsteller zu sein.

Das scharfzüngige, leidenschaftliche und schonungslose Buch, das auch Selbstkritik nicht scheut, bietet einen hervorragenden Einstieg in das Gesamtwerk Gombrowicz’. Wären da nicht gelegentliche jugendliche Schwärmereien, könnten die von Klaus Staemmler in den 1980er-Jahren übersetzten Texte auch heute noch als zeitgemäß gelten.