Heimat und Identität: Leïla Slimanis „Trag das Feuer weiter“ im politischen Spannungsfeld**

In ihrem neuen Roman „Trag das Feuer weiter“ entführt Leïla Slimani die Leser auf eine emotionale und politische Reise, die den schmalen Grat zwischen Heimat und Entfremdung beleuchtet. Der Roman bildet den Abschluss ihrer Trilogie, in der sie ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet und gleichzeitig tiefere gesellschaftliche Themen anpackt. Die Erzählung beginnt mit einem eindringlichen Satz der Protagonistin Mia: „Eines Nachts im November 2021 habe ich meinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren.“ Diese Worte setzen den Ton für eine Geschichte, die von Verlust, Identität und der Suche nach Zugehörigkeit geprägt ist.

Mia, eine erfolgreiche Schriftstellerin, kämpft nach ihrer Corona-Erkrankung mit den Folgen von Post-Covid, insbesondere mit einem Phänomen namens „Brain Fog“, das ihre kognitiven Fähigkeiten massiv beeinträchtigt. Für jemanden, der sein Leben der Sprache gewidmet hat, ist dies eine tragische Ironie. Um sich zu erholen, reist sie in ihre marokkanische Heimat, zurück zu den Wurzeln ihrer Kindheit. Doch als sie bei ihren Großeltern ankommt, wird sie von einem Gefühl der Fremdheit überwältigt. Die Erinnerungen an ihre Familie sind verblasst, und die Vertrautheit ihrer Umgebung erscheint ihr plötzlich fremd.

Slimani schildert Mias medizinische Odyssee eindringlich und vermittelt die Verzweiflung, die mit ihrer Erkrankung einhergeht. Es ist ein beklemmender Spießrutenlauf durch das marokkanische Gesundheitssystem, in dem erst spät der Zusammenhang zwischen ihren Symptomen und der Covid-Infektion erkannt wird. Die Erzählung verknüpft Mias individuelle Erfahrung mit der Vergangenheit ihrer Familie, insbesondere mit dem Vater Mehdi, der ihr einst den eindringlichen Rat gab: „Komm nicht wieder“, als sie Paris verließ. Diese Worte lassen tief blicken auf die Ängste, die mit der Entfremdung von der Heimat einhergehen, und auf die Sorgen, die ihre Eltern um die Zukunft ihrer Töchter hegten.

Die Erziehung von Mia und ihrer Schwester Inès in Rabat war liberal und von Fortschrittlichkeit geprägt. Dennoch werden sie im marokkanischen Alltag schnell mit den Grenzen ihrer Freiheit konfrontiert. Mehdi, als Direktor eines Kreditinstituts, gerät in Konflikt mit dem korrupten System und wird zeitweise ins Gefängnis gesteckt. Aïcha, ihre Mutter und Gynäkologin, sieht sich den brutalen Realitäten einer patriarchalen Gesellschaft gegenüber, in der Frauenrechte und sexuelle Selbstbestimmung oft mit Gefängnisstrafen bestraft werden. Diese Schilderungen zeichnen ein facettenreiches Bild von Marokko, einem Land, das zwischen Tradition und Modernisierung, zwischen islamischen und westlichen Werten hin- und hergerissen ist.

Mia wird nicht nur von ihrer Krankheit, sondern auch von einem überwältigenden Gefühl der Heimatlosigkeit geplagt. Die Frage nach ihrer Identität wird zu einer ständigen Belastung: „Wenn man mich fragt, woher ich bin, weiß ich nie, was ich antworten soll.“ Ihre innere Zerrissenheit wird verstärkt durch die Notwendigkeit, ihre Homosexualität geheim zu halten, was sie weiter isoliert und die Kluft zwischen ihrem persönlichen Leben und den gesellschaftlichen Erwartungen verstärkt.

Slimanis Roman ist nicht nur ein persönliches Drama, sondern auch ein politisches Werk, das die Herausforderungen und Widersprüche einer Gesellschaft thematisiert, die zwischen dem Druck der Tradition und dem Wunsch nach Veränderung steht. In der Reflexion über ihre eigene Identität und die ihrer Familie, die sie als „Archäologie meiner selbst“ bezeichnet, schafft Slimani einen Erzählkosmos, der weit über die individuelle Geschichte hinausreicht und universelle Themen von Heimat und Zugehörigkeit anspricht.

Am Ende des Romans sieht sich Mia als „schlechte Kopie eines großen Gemäldes“, was die Traurigkeit und die Komplexität ihrer Suche nach Identität und Sinn widerspiegelt. „Trag das Feuer weiter“ ist ein eindringlicher Roman, der nicht nur die persönliche und politische Landschaft Marokkos beleuchtet, sondern auch die Leser dazu anregt, über ihre eigenen Wurzeln und die Bedeutung von Heimat nachzudenken. Dieses Werk ist ein eindringlicher Begleiter für lange, kalte Winterabende und lädt zur Reflexion über die komplexen Verflechtungen von Identität, Gesundheit und Gesellschaft ein.