Im malerischen Paulusviertel von Halle, das zwischen 1900 und 1910 um die Pauluskirche entstanden ist, finden sich Straßen, die nach zahlreichen bedeutenden deutschen Schriftstellern benannt sind. Diese Gegend wird auch als „Dichterviertel“ bezeichnet und spiegelt die literarische Historie Deutschlands wider. Hier gibt es Straßen wie die Goethestraße und die Schillerstraße, doch die Victor-von-Scheffel-Straße sticht besonders hervor, da sie den vollständigen Namen dieses einst gefeierten Dichters trägt. Doch wer war Victor von Scheffel, und warum ist sein Name heute vielen unbekannt?
Victor von Scheffel wurde am 16. Februar 1826 in Karlsruhe geboren. Sein Vater, Philipp Jakob Scheffel, war Ingenieur, während seine Mutter Josephine einen kulturellen Salon führte, der Künstler und Intellektuelle anzog. Scheffel besuchte zunächst das Lyceum in Karlsruhe, bevor er in München, Heidelberg und Berlin Jura, Philosophie und Kunstgeschichte studierte, um den Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden. Bevor er jedoch das Staatsexamen ablegen konnte, wurde er Sekretär des Politikers Karl Theodor Welcker zur Frankfurter Nationalversammlung. Das Scheitern der Revolution von 1848 hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck und führte zu seiner Enttäuschung über die politischen Umstände.
Nach einer kurzen Zeit als Jurist in Säckingen im Schwarzwald und Bruchsal wandte sich Scheffel der Literatur zu. In Italien, wo er lange davon träumte, Maler zu werden, fand er schließlich seine wahre Berufung als Dichter. Während eines Aufenthalts auf Capri, in Begleitung des späteren Nobelpreisträgers Paul Heyse, schrieb er in nur sieben Wochen sein bekanntestes Werk, „Der Trompeter von Säckingen“. Dieses Versepos erzählt die tragische Liebesgeschichte des Spielmanns Werner und der adligen Margarete, die durch gesellschaftliche Hürden voneinander getrennt sind. Scheffels romantisierte Erzählung, die auf einer historischen Begebenheit basiert, machte ihn über Nacht berühmt und fand schnell ein breites Publikum.
In der Folge veröffentlichte Scheffel seinen zweiten großen Roman, „Ekkehard“, der die Liebesgeschichte eines Mönchs und einer Herzogin im Mittelalter thematisiert. Dieses Werk wurde zu einem der meistverkauften belletristischen Bücher des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Trotz seines literarischen Erfolgs verlief Scheffels Leben nicht ohne Herausforderungen. Nach der Scheidung von seiner Frau Karoline, mit der er einen Sohn hatte, lebte er in einer Villa am Bodensee und war bis zu seinem Tod im Jahr 1886 in der literarischen Öffentlichkeit aktiv.
Scheffels Werke trafen den Nerv der Zeit und fanden großen Anklang beim Bildungsbürgertum, das sich nach der gescheiterten Revolution von 1848 in eine neoromantische Welt flüchtete. Seine historischen Romane bedienten zudem einen populären Nationalismus, der in der damaligen Zeit weit verbreitet war. Obwohl er die Reichsgründung von 1871 unterstützte, war er dennoch ein kritischer Beobachter seiner Zeit und reflektierte die gesellschaftlichen Veränderungen mit Skepsis.
Nach seinem Tod entwickelte sich ein regelrechter Kult um seine Person. Straßen, Plätze und Schulen wurden nach ihm benannt, und sein Werk wurde weit verbreitet. Doch ab den 1920er Jahren begann die Wertschätzung seiner Literatur zu sinken. Er wurde oft auf das Bild des nostalgischen Heimatdichters reduziert, und sein literarischer Wert geriet in Vergessenheit.
Obwohl Scheffels Geburtstag in Halle nicht gewürdigt wird, feiern Städte wie Bad Säckingen, die eng mit seiner Geschichte verbunden sind, das Jubiläum mit Veranstaltungen und Ausstellungen. Es bleibt zu hoffen, dass das Erbe dieses einst gefeierten Dichters nicht vollständig verloren geht und seine Werke wieder die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. In einer Zeit, in der das nostalgische und romantische Denken wieder an Bedeutung gewinnen, könnte Scheffels literarisches Schaffen eine neue Leserschaft finden und in die kulturelle Erinnerung zurückkehren.





