Die Herausforderungen des ungelebten Lebens im Alter

„Altlicht“ – Symbolik und Lebensgeschichte in Ewald Arenz’ neuem Roman

Der Begriff „Altlicht“ beschreibt die schmale Sichel des abnehmenden Mondes in der Nacht vor Neumond. In Ewald Arenz’ aktuellem Roman wird „Altlicht“ auch metaphorisch für einen alternden Stepptänzer verwendet, dessen Vertrag nicht verlängert wird.

Einblick in die Handlung

Jo, Antons erste große Liebe, prägt sein Leben nachhaltig. Sie verlässt ihn plötzlich und spurlos, ohne dass Anton je erfährt, warum oder ob sie noch lebt. Dieses unerklärte Verschwinden bleibt für Anton ein tiefgreifendes Trauma.

Statt mit Jo verbringt Anton sein Leben mit Katja, die er heiratet und später trennt, obwohl sie ein gutes Verhältnis pflegen. Ihre gemeinsame Tochter Emma ist mittlerweile dreißig Jahre alt und folgt dem Beruf des Vaters als Tänzerin und Choreografin.

Die Bedeutung des Verpassten

Mit sechzig Jahren fühlt sich Anton körperlich noch fit, auch wenn seine Steppschritte nicht mehr so schnell sind wie früher. Doch die neue Intendantin teilt ihm mit, dass sie nicht länger mit ihm plant und stattdessen seine Tochter Emma engagieren möchte.

Diese Entscheidung trifft Anton tief. Nach anfänglicher Enttäuschung und Wut beginnt er, sein Leben zu reflektieren. Gemeinsam mit seiner Tochter reist er nach Irland, nachdem Emma Jo im Internet als Lehrerin an einer Grundschule entdeckt hat, um sich seiner Vergangenheit zu stellen.

„Was tat er hier eigentlich? Was hatte er sechzig Jahre lang gelebt? Zwei kaputte Beziehungen und ein paar bedeutungslose Affären. Zwei-, dreihundert Stücke, an deren Tanznummern sich niemand mehr erinnerte. (…) Und er hier in Irland im Nirgendwo auf einer von Beginn an sinnlosen Suche nach einer Jugend, die es nicht mehr gab.“

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Das Thema des alternden Mannes, der sich mit verpassten Chancen auseinandersetzt, erlebt derzeit eine Renaissance. Ähnliche Motive finden sich beispielsweise in Hans-Ulrich Treichels Roman „Das Karussell“ oder Jim Jarmuschs Film „Broken Flowers“.

Die Illusion einer unerfüllten Liebe

Obwohl Arenz selbst inzwischen sechzig Jahre alt ist, überrascht die Wendung zum Thema Alter in seinem Werk, da seine bisherigen Bestseller „Alte Sorten“ und „Der große Sommer“ vor allem Jugendromane waren.

In „Fünf, sechs, sieben, acht“ setzt sich Arenz intensiv mit dem Gefühl der Vergeblichkeit auseinander und zeigt die komplexen, oft widersprüchlichen Emotionen seiner Figuren. Der Konflikt zwischen Vater und Tochter wird dabei bis an seine Grenzen geführt. Zudem untersucht der Roman die Illusion einer verhinderten Liebe, die Anton, so seine Vermutung, daran hinderte, sich mit Hingabe auf das Naheliegende einzulassen.

„Gegen Träume hat man keine Chance. Aber (…) es waren nicht die Träume, sondern das andere Leben, gegen das man keine Chance hatte. Das ungelebte Leben mit all seinen tausend Möglichkeiten, tausend Glücksmomenten, die vielleicht alle hätten Wirklichkeit werden können. Nach denen sehnte man sich, weil man dieses Leben nicht gelebt hatte.“

Ewald Arenz: „Fünf, sechs, sieben, acht“

Der Rhythmus des Stepptänzers als erzählerisches Stilmittel

Arenz zeichnet sich durch eine klare und zugleich wirkungsvolle Erzählweise aus. Seine einfache Sprache und die kurzen, punktierten Satzfragmente erzeugen ein Stakkato, das den Rhythmus des Stepptänzers und das Klackern seiner Schuhplatten widerspiegelt.

Wie ein Tänzer variiert Arenz das Tempo seiner Erzählung, beschleunigt nach ruhigeren Passagen und steigert die Spannung bis zu einem dramatischen Höhepunkt auf den irischen Steilklippen. Gleichzeitig lässt er den Gedanken ausreichend Raum zur Entfaltung, ohne sie unnötig zu verkomplizieren.

Diese Erzähltechnik fördert die emotionale Nähe zum Leser und schafft glaubwürdige, lebensnahe Charaktere. Das Buch endet mit einem berührenden und hoffnungsvollen Schluss, der darauf schließen lässt, dass Ewald Arenz mit „Fünf, sechs, sieben, acht“ erneut einen Bestseller vorlegen wird.