Russland und der Westen im Schatten des Kalten Krieges: Eine Analyse der verlorenen Ideale

Wer gewann den Kalten Krieg? Eine Neubewertung von Mikhail Zygar

Mikhail Zygar stellt zu Beginn seines Werks die provokante Frage, wer den Kalten Krieg tatsächlich für sich entscheiden konnte. Jahrzehntelang war er überzeugt, die Antwort zu kennen. Drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion vertritt er jedoch die Auffassung, dass weder Russland noch der Westen als klare Sieger hervorgingen.

„Dieses Buch erzählt vom Zusammenbruch eines Imperiums, das seine Werte verlor, und von jenen, die weiterhin an Demokratie glauben und für eine Veränderung der Welt kämpfen. Die geschilderten Ereignisse spiegeln vieles von dem wider, was aktuell in den USA und weltweit geschieht – nur in umgekehrter Form.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Hintergrund des Autors

Der in Moskau geborene Zygar ist sowohl Journalist als auch Historiker. Bekannt wurde er als Kriegskorrespondent, bevor er maßgeblich am Aufbau des einzigen unabhängigen Nachrichtensenders der 2010er Jahre beteiligt war. Unter seiner Leitung entwickelte sich „Doschd“ zu einer wichtigen Plattform für kritische Stimmen, die sich der Zensur durch den Kreml widersetzten.

„Ich bin ein Kind der Sowjetunion. Die UdSSR mit ihrer Kultur und Mythologie bildete mein gesamtes Weltbild. Als die Perestroika begann, war ich vier Jahre alt, und mit zehn Jahren erlebte ich die Auflösung der Sowjetunion. In dieser Zeit habe ich verstanden, wie die Menschen wirklich waren.“

Nach der Eskalation des Kriegs gegen die Ukraine verließ Zygar Russland und etablierte sich seither als international gefragter Experte für russische Politik.

Kapitalismus ohne menschliches Antlitz

In seinem aktuellen Buch „Die Zukunft, die nie kam“ zeichnet Zygar ein nüchternes Bild des heutigen Russland aus der Perspektive eines Insiders. Seine zentrale These lautet, dass das autoritäre Erbe der Sowjetunion nie vollständig überwunden wurde. Diese Einschätzung teilt er mit anderen im Exil lebenden Autoren wie Wladimir Sorokin, Michail Schischkin und Boris Akunin.

„Zu den Verlierern der Putin-Ära zählen nicht nur ehemalige Dissidenten, sondern auch pragmatische Reformer, die in den 1990er Jahren Jelzin unterstützten. Die Ideologen des Prager Frühlings 1968 träumten von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz – Putin hingegen etablierte einen Kapitalismus ohne menschliches Antlitz. Menschenrechte und Demokratie wurden durch Zynismus und Brutalität ersetzt.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Die Perestroika als instabile Übergangsphase

Im Gegensatz zur weit verbreiteten westlichen Sichtweise interpretiert Zygar die Perestroika als eine chaotische Phase, in der der Übergang von Unterdrückung zu Freiheit das gesamte System erschütterte. Er beleuchtet Putschversuche gegen Gorbatschow, ethnische Gewalt in Armenien und Aserbaidschan sowie die gewaltsame Niederschlagung von Protesten in Georgien. Systematische Gewalt verschwand seiner Ansicht nach nicht mit dem Jahr 1991.

„Die derzeitigen Machthaber in Russland stammen aus der letzten sowjetischen Generation – sie wuchsen mit sowjetischer Kultur auf, ohne jedoch an die sowjetische Ideologie zu glauben. Sie bewunderten den Kalten Krieg, betrachteten Dissidenten als Verräter und genossen es, von der eigenen Größe zu schwärmen.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Zygars journalistische Erfahrung verleiht seinem Stil eine lebendige Direktheit. Sein Werk ist ein dichtes Mosaik aus Erzählungen von Politikern, Dissidenten, Musikern und Dichtern, die auf Augenzeugenberichten basieren.

Sein historischer Überblick reicht von den Tauwetter-Reformen Chruschtschows bis hin zu Breschnews eigenartigem Besuch in Baku kurz vor dessen Tod im Jahr 1982. Damals konnte Breschnew aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands nicht die Ehrentribüne erklimmen und verließ die Veranstaltung frühzeitig.

„Die Organisatoren waren für einige Sekunden schockiert – doch die Kameras liefen bereits, und ein Rückzug war unmöglich. Die Übertragung vermittelte den Eindruck, als sei die ganze Stadt versammelt. Breschnew kehrte zu seiner Unterkunft zurück und legte sich schlafen.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Wendehälse und entzauberte Ideologen

Zygars umfassender und teils sehr persönlicher Rückblick ist reich an solchen eindrucksvollen Episoden. Selbst für Leser mit Vorkenntnissen zur jüngeren russischen Geschichte bietet das über 800 Seiten starke Werk neue Erkenntnisse.

Gorbatschow wird als zögerlich dargestellt, insbesondere angesichts der Gewalt in den Randregionen. Jelzin erscheint als ehrgeizig, aber prinzipienlos und häufig betrunken. Im Jahr 1991 wechselte er seine politische Ausrichtung:

„Präsident Jelzin entließ bald die sogenannten Demokraten, umgab sich mit ehemaligen Kommunisten und KGB-Offizieren und begann einen Krieg in Tschetschenien.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Gelegentlich hätte eine Straffung des Textes dem Werk gutgetan. Insgesamt gelingt es Zygar jedoch, die Komplexität und Unübersichtlichkeit der postsowjetischen Ära authentisch abzubilden.

„Gorbatschow konnte einen blutigen Bürgerkrieg nicht verhindern, und die sowjetischen Konservativen erscheinen heute als die eigentlichen Gewinner.“

Mikhail Zygar: „Die Zukunft, die nie kam“

Russland als gefährliches politisches Experiment

Nach der anfänglichen Euphorie eines Neuanfangs folgte laut Zygar ein Vakuum an Glauben. Dieses hielt jedoch nicht lange an. Er beschreibt, wie die Sehnsucht nach imperialer Größe, verwurzelt in stalinistischer Nostalgie, wieder auflebte. Der Marxismus wurde durch eine nationalistische Mystik ersetzt, die heute den russischen patriotischen Diskurs prägt.

Die historischen Vergleiche sind eine der Stärken dieses lesenswerten Buches. Zygar verdeutlicht, wie gefährlich es sein kann, wenn politische Überzeugungen nur scheinbar verschwinden, tatsächlich aber weiterbestehen. Russland wird dabei als ein riskantes Experimentierfeld dargestellt, das exemplarisch zeigt, was auch anderen politischen Systemen drohen kann.