Systematischer Qualitätsverlust bei digitalen Plattformen: Eine Analyse
Der Wechsel von einer sozialen Plattform zur Konkurrenz gestaltet sich oft schwierig, da Nutzer ihre Follower nicht einfach mitnehmen können. Ebenso ist es bei Amazon nahezu unmöglich, ein Hörbuch ohne einen Amazon-Account zu nutzen. Diese Hürden werden von sozialen Netzwerken bewusst aufgebaut, um die Abwanderung von Nutzern zu erschweren – obwohl die Qualität der angebotenen Dienste zunehmend abnimmt.
Der kanadische Netzaktivist und Journalist Cory Doctorow prägte bereits 2022 den Begriff „Enshittification“ für diese Entwicklung. Seine detaillierte Untersuchung über das Vorgehen großer Technologieunternehmen liegt nun auch in deutscher Sprache vor.
Der dreistufige Prozess der Verschlechterung von Services
„Enshittification“ beschreibt den absichtlichen und systematischen Verfall der Servicequalität digitaler Plattformen, der von den Unternehmen eingesetzt wird, um ihre Profitabilität zu steigern. Doctorow illustriert diesen Prozess anhand von Beispielen wie Facebook, Amazon, Apple und Twitter.
- In der ersten Phase wird den Nutzern ein attraktiver und hochwertiger Service geboten, um eine kritische Masse an Anwendern zu gewinnen und langfristig zu binden.
- Im zweiten Schritt richtet sich die Strategie auf Geschäftskunden, etwa Werbetreibende oder Händler, die ebenfalls an die Plattform gebunden werden sollen.
- Schließlich, wenn der Ausstieg für Nutzer mit hohen Kosten oder Aufwand verbunden ist, verschlechtert sich der Service merklich und die Preise steigen – die „Daumenschrauben“ werden angezogen.
Cory Doctorow bringt mit seiner Analyse den Frust vieler Nutzer prägnant auf den Punkt, da sich dieses „Enshittification“-Phänomen mittlerweile über die gesamte Tech-Branche erstreckt.
Beispiele hierfür sind etwa unerwartete Änderungen der Geschäftsbedingungen bei Software-Abonnements, die zu erheblichen Mehrkosten führen (Adobe), oder die gezielte Behinderung der Nutzung bestimmter Browser durch Fehlermeldungen, um Konkurrenzprodukte zu benachteiligen (Microsoft). Auch Suchmaschinen manipulieren ihre Ergebnisse, um Nutzer zu wiederholten Anfragen zu bewegen und so höhere Werbeeinnahmen zu generieren (Google).
Politisches Versagen und die Macht der Tech-Konzerne
Die Frage, warum diese Praktiken von den Unternehmen weitgehend unbehelligt bleiben, beantwortet Doctorow mit dem Versäumnis der Politik. Jahrzehntelang wurde das Entstehen von Technologiemonopolen toleriert und nicht ausreichend reguliert.
Darüber hinaus haben diese Großkonzerne ihre Marktmacht genutzt, um Einfluss auf Aufsichtsbehörden und Gesetzgebungsprozesse zu nehmen – ein Phänomen, das als „Regulatory Capture“ bezeichnet wird. Dabei wurden beispielsweise wichtige Gesetze wie das Urheberrecht im Sinne der Tech-Giganten angepasst.
Dennoch gibt es positive Signale: Laut Doctorow hat die Politik unter anderem durch die Präsidentschaft von Donald Trump ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Begrenzung der Dominanz großer Technologieunternehmen geschaffen.
Der Netzaktivist appelliert insbesondere an die europäische Politik, ihre Regulierungspolitik neu auszurichten. So kritisiert er beispielsweise den „Digital Services Act“, der seiner Ansicht nach die Macht der Plattformen eher stärkt als einschränkt. Die zentrale Botschaft seines Buches lautet: Eine bessere Digitalisierung ist nur möglich, wenn nicht ausschließlich die großen Tech-Konzerne profitieren, sondern alle Marktteilnehmer gleiche Chancen erhalten.




















