Minnesota – Rache, Trauma und die Suche nach Gerechtigkeit**

Im neuen Roman „Minnesota“ des norwegischen Bestsellerautors Jo Nesbø wird eine packende Geschichte präsentiert, die sich um Rache und politische Themen dreht. Der Protagonist Bob Oz ist ein ehemaliger Ermittler des Minnesota Police Department, der nach einer tragischen Fehlhandlung, bei der er seine dreijährige Tochter verloren hat, in eine tiefe persönliche Krise stürzt. Die kleine Tochter hatte eine ungeladene Waffe des Vaters entdeckt, was zu ihrem tödlichen Unfall führte. Seit diesem Vorfall ist Oz nicht mehr der selbstbewusste und manchmal impulsive Polizist, der er einst war. Seine Ehe hat unter dem Verlust gelitten, und seine Ex-Frau Alice lebt nun mit einem anderen Psychologen zusammen. In dieser emotionalen Ausnahmesituation versucht Oz, sein Leben mit kurzen Affären zu kompensieren, doch der Verlust seiner Tochter bleibt ein ständiger Schatten.

Die Handlung spielt im Herbst 2016, einer politisch aufgeladenen Zeit in den USA, in der die bevorstehende Präsidentschaftswahl von Donald Trump die Gesellschaft spaltet. Währenddessen beschäftigt sich Oz mit einem Serienmörder, der den Behörden immer wieder entkommt. Jo Nesbø, bekannt für seine Harry-Hole-Reihe, verleiht diesem neuen Werk durch die Integration von Themen wie Waffengewalt und politischer Einflussnahme eine besondere Tiefe. Der Fall des Mörders, der als Tomas Gomez identifiziert wird, ist von einem traumatischen Erlebnis geprägt: Er überlebte einen brutalen Angriff in einem Fastfood-Restaurant, bei dem seine Familie getötet wurde. Diese traumatische Erfahrung treibt Gomez zu einem blutigen Rachefeldzug gegen die Drahtzieher des Waffengebrauchs in den USA.

Im Zentrum der Erzählung steht der bevorstehende Kongress der National Rifle Association (NRA) in Minnesota, der als unmittelbarer Auslöser für Gomez‘ Racheakte dient. Die Charaktere, insbesondere Bob Oz, sind gefangen in einem moralischen Dilemma: Während der Polizist versucht, die Waffennutzung zu bekämpfen, nimmt der Mörder das Gesetz in seine eigenen Hände und richtet sich gegen jene, die für die Verbreitung von Waffen verantwortlich sind. Diese duale Perspektive macht das Werk besonders spannend, da es die unterschiedlichen Ansichten über Gerechtigkeit und Rache beleuchtet.

Die Verknüpfung von Nesbøs Charakteren mit der Realität ist bemerkenswert. Er reflektiert über die gesellschaftlichen Probleme, die in Minnesota und darüber hinaus zu finden sind. Der Autor thematisiert nicht nur die Waffengewalt, sondern auch die damit verbundenen politischen Strömungen und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Besonders eindrücklich ist die Erwähnung von realen Ereignissen wie dem Tod von George Floyd, der die Diskussion über Rassismus und Polizeigewalt neu anheizte und die Leser an die drängenden Probleme in der amerikanischen Gesellschaft erinnert.

Nesbø lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er in der Debatte um Waffenbesitz steht. Sein Protagonist Bob Oz, der selbst durch den missbräuchlichen Umgang mit seiner Waffe alles verloren hat, wird zum Symbol für die verheerenden Folgen von Waffengewalt. Die Parallelen zwischen Oz und Gomez verdeutlichen die Komplexität der moralischen Fragen, die in der Geschichte aufgeworfen werden. Hierbei wird auch die innere Zerrissenheit des Ermittlers thematisiert, der zwar für das Gesetz eintritt, dennoch in einer Welt agiert, die von Gewalt und Rache geprägt ist.

Während die Jagd nach dem Serienmörder fortschreitet, wird Oz von persönlichen Konflikten geplagt, insbesondere nachdem er wegen eines unüberlegten Angriffs auf den neuen Partner seiner Ex-Frau von den Ermittlungen abgezogen wird. Der Roman zeigt, wie persönliche Tragödien und gesellschaftliche Probleme miteinander verwoben sind und wie schwer es ist, in einer von Konflikten geprägten Welt Gerechtigkeit zu finden.

Die Rahmenhandlung um den norwegischen Journalisten Holger Rudi, der in Minnesota recherchiert, bietet eine interessante Metaebene und ermöglicht es Nesbø, die Entwicklung der Geschichte bis zur ersten Amtszeit von Donald Trump zu reflektieren. Letztlich bleibt der Leser mit der Frage zurück, ob eine Veränderung möglich ist, und Nesbø bietet mit seinem Schlusssatz einen Hoffnungsschimmer: „Was die Stadt – und die Welt – brauchte, waren naive Optimisten und keine resignierten Realisten.“ Diese Botschaft könnte als Anstoß dienen, das Streben nach einer besseren Zukunft nicht aufzugeben, trotz der Herausforderungen, denen die Gesellschaft gegenübersteht.