Automatisierung im Verlagswesen: Eine fiktionale Erweiterung
Vor vier Jahren veröffentlichte Philipp Schönthaler eine umfassende Studie mit dem Titel „Die Automatisierung des Schreibens und die Gegenprogramme der Literatur“. Mit seinem jüngsten Werk präsentiert er nun eine fiktionale Fortsetzung, die den Fokus von der reinen Schreibautomatisierung auf die Automatisierung des gesamten Verlagswesens und des Publizierens erweitert.
Handlung und Hintergrund des Romans „Mysteria Hysteria“
Im Zentrum der Handlung steht ein Erzähler, der traditionell als Lektor bezeichnet würde, in der Zukunft jedoch die Bezeichnung „Textmanager“ trägt. Dieser erhält ein Manuskript mit dem gleichen Titel wie sein Beruf. Der Roman beschäftigt sich mit der Frage nach dem Verbleib der Hysterie, einer Krankheit, die um 1900 besonders unter Frauen verbreitet war und durch die Arbeiten Sigmund Freuds zusätzliche Bekanntheit erlangte.
Die Hysterie existiert heute nicht mehr und wurde aus wissenschaftlichen Nachschlagewerken entfernt. Die Erzählerin des Manuskripts hinterfragt, ob sich diese Krankheit möglicherweise ein neues „Wirtstier“ gesucht hat.
Künstliche Intelligenz im Verlagsprozess
Die Erzählung zeichnet ein Bild einer hochgradig automatisierten Arbeitswelt, in der Künstliche Intelligenz (KI) eine zentrale Rolle spielt. Manuskripte, die den Verlag erreichen, werden von der Maschine analysiert, bewertet und nach kurzer Prüfung mit automatisch generierten Verbesserungsvorschlägen freundlich abgelehnt.
Obwohl diese Praxis zunächst negativ erscheint, wird sie durch eine ironische Erzählweise aufgelockert. Der Erzähler selbst schreibt in einem Stil, der an maschinelle oder bürokratische Textproduktion erinnert.
Der Mensch im automatisierten System
Trotz der umfassenden Automatisierung bleibt der Mensch unersetzlich und ist in vielfältiger Weise präsent. So stößt der Textmanager zufällig auf einen Satz im abgelehnten Manuskript „Mysteria Hysteria“, der ihm bekannt vorkommt. Er vermutet, dass eine Jugendliebe, zu der er seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr hat, der Verfasser sein könnte. Obwohl das Manuskript unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde, lässt ihn diese Vermutung nicht los.
Daraufhin begibt sich der Erzähler zunächst als Textdetektiv und später auch im realen Leben auf die Suche nach dieser früheren Beziehung.
Integration von KI und menschlicher Erfahrung
Während seiner Suche nutzt der Erzähler die KI kontinuierlich als Hilfsmittel, die sich zu einem integralen Bestandteil seiner Realität entwickelt hat. Schönthalers Satire reflektiert damit, in welchem Maße Maschinen bereits unser Denken und Handeln beeinflussen und wie Menschen dennoch immer wieder von vorgegebenen, vermeintlich rationaleren Pfaden abweichen.
Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Hysterie des 19. Jahrhunderts auf geheimnisvolle Weise in die KI eingegangen ist und sich so allmählich wieder auf die Gesellschaft überträgt.
Das Buch „Mysteria Hysteria“ umfasst 44 Taschenbuchseiten und liegt in der Hand fast so bequem wie ein Smartphone – eine Lektüre, die sich gut für zwischendurch eignet.






















