

Ungewöhnlich, aber beginnen wir mit dem Buchcover: Es zeigt eine kindliche Zeichnung eines Gespensts, das bei näherer Betrachtung auch als Qualle oder erschrockener Oktopus interpretiert werden könnte.
Können Gespenster tatsächlich bluten?
Das dargestellte Gespenst trägt ein weißes Gewand und blutet darunter. Doch ist es überhaupt möglich, dass Gespenster bluten? Bereits auf der ersten Seite des mit Spannung erwarteten zweiten Romans von Yade Yasemin Önder begegnet der Leser einem solchen blutenden Gespenst in lebendiger Form.
„Er trägt wieder einen langen Ledermantel und wirkt dadurch wie ein Gespenst. So gleitet er am Kanal entlang und lässt das nächste Opfer unter seinem Laken verschwinden – vermutlich, weil er Hunger hat.“
Das Gespenst wird als unersättlich beschrieben, was sich auch in seinem Tinder-Profil widerspiegelt. Dieses wirkt fast wie eine Einkaufsliste:
„35 J, 2K, T, 1A. Und so schrieb er auch mit mir, als könne er seine Haft nicht mehr ertragen. ‚Hallo, wie geht’s?‘ hatte ich gefragt, und er antwortete schnell: ‚Danke. Mittwoch? 13:00? 15:00? 22:30? Passt da was?‘“
Für die junge Protagonistin, die sich gerade von einer schmerzhaften Trennung erholt, bietet diese Begegnung eine willkommene Ablenkung. Obwohl die Kommunikation zunächst nüchtern und geschäftsmäßig wirkt, erscheint ihr diese Alternative besser, als weiterhin mit den Gespenstern der Vergangenheit zu leben.
Ein vorprogrammiertes Bindungstrauma
Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass die Erzählerin mit zahlreichen Bindungsproblemen konfrontiert ist. Nicht nur ihr Ex-Partner Kar, sondern auch ihre deutsch-türkischen Eltern, die einst leidenschaftlich ihren Einkaufskorb zerstreuten, während die kleine Tochter verzweifelt versuchte, alles wieder einzusammeln, prägen ihre psychische Entwicklung. Die Gespräche mit einem fiktiven Psychoanalytiker verdeutlichen, dass hier ein Bindungstrauma vorprogrammiert ist.
„Die Hand der Mutter greift nach einer Dose passierter Tomaten, die in Zeitlupe in die Luft steigt. Vögel werden aufgeschreckt, flattern davon. Die Dose erreicht ihren Höhepunkt, stürzt dann ab, verfehlt knapp den Vater, der sich duckt und das Gesicht verzieht. Die Dose landet vor seinen Füßen – nicht auf dem Boden, sondern auf meiner Kassette, auf Bibi und Tina.“
Mittlerweile ist die Tochter Mitte dreißig und spürt den Druck der Zeit. Wie auch die Autorin selbst, erlebte sie als junge Frau einen großen Erfolg in der Theaterwelt. Doch seitdem kämpft sie mit Schreibblockaden und dem Anspruch, als herausragende Stimme der deutschen Literatur mit Migrationshintergrund zu wachsen, während gleichzeitig der Wunsch nach einem eigenen Kind wächst.
„Ach, wäre ich doch zehn Jahre jünger, man könnte mir sofort den zweiten Roman aufdrängen und eine Sache geben, für die ich kämpfe – Frauenrechte, Ost-West, Nahost, Demokratie oder Ähnliches. Während ich an meinem zweiten Roman arbeite, der notfalls vom Lektorat geschrieben werden kann, könnte ich einen Artikel veröffentlichen oder einen Skandal inszenieren. So wäre zumindest für einige Werke eine gesicherte Existenz gewährleistet.“
Diese Situation spiegelt sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider – und ebenso auf dem Liebesmarkt, der in Önders Roman als neoliberale Gespenstershow dargestellt wird. Trotz der romantischen Fassade ist modernes Dating vor allem ein Marktplatz, auf dem Verführung und Interesse häufig nur als Mittel zum Zweck dienen.
Bedürfnisorientierte Annäherung in Beziehungen
Während in der Kindererziehung von bedürfnisorientierter Pädagogik gesprochen wird, ließe sich das heutige Liebesleben als bedürfnisorientierte Beziehungsanbahnung beschreiben. Besonders die junge Autorin ist dabei geprägt von einem starken Bedürfnis nach Ablenkung und Anerkennung.
Beides findet sie bei dem „Tinder-Gespenst“ im langen Mantel, das auf den Namen Andi Müller hört. Ohne zu viel zu verraten, wird schnell klar, dass Andi nicht ohne Grund Schauspieler ist. Bei seinen „Dinners for Friends“ prahlt er gerne mit seinen neuesten Filmprojekten. Selbst den Geburtstag der Erzählerin vergisst er trotz einer intensiven gemeinsamen Zeit, was sie zu folgender Feststellung bringt:
„Von den Männern dieser Welt habe ich genug! Die Frauen müssen ihnen endlich den Zugang verwehren! Erst dann können sich die Männer selbst ins Knie ficken und überhaupt!“
Ironischerweise taucht im Roman immer wieder ein Paar auf, das an die Figuren Tanya und Jérôme aus Leif Randts Anti-Liebes-Roman „Allegro Pastell“ erinnert. Die beiden Overachiever sind mittlerweile verheiratet, am Ende des Romans jedoch geschieden. Ausgerechnet der vorsichtige, feministische Jérôme gerät in einen #MeToo-Skandal.
Ob Zufall oder bewusste Anspielung – diese Figuren wirken vertraut, als kenne man sie von diversen Kulturevents, bei denen Menschen mit Metaebene verkehren.
Kulturmänner als verkleidete Feministen
Der Autorin gelingt mit ihrem Werk eine scharfsinnige Milieustudie. Dennoch weist die Darstellung der weiblichen Hauptfigur, deren Sehnsucht nach Geborgenheit an der Ich-Bezogenheit ihrer Umwelt scheitert, Schwächen auf. Die Frage, warum sich heutige Kulturmänner als Feministen inszenieren, gleichzeitig aber weiterhin ausbeuterischen Mustern folgen, wird nicht ausreichend beleuchtet. Ebenso bleibt unerklärt, warum ein entfesselter Sexualmarkt zwar Begehrlichkeiten weckt, den Hunger nach echter Nähe jedoch nicht stillen kann.
Der Roman behandelt viele relevante Themen, die den Leser gerne länger beschäftigen würden. Nach und nach entwickelt sich eine Obsession um den Kinderwunsch, die zwar bedrückend wirkt, vor allem aber Ratlosigkeit hinterlässt. Man möchte die Protagonistin aus ihrer Geisterwelt befreien, doch sie scheint auch ein Stück weit an ihren Gespenstern zu hängen.




















