In seinem Debütroman „Cinema Love“ nimmt uns der Autor Jiaming Tang mit auf eine berührende Reise durch die komplexe Welt queerer Liebe in China und deren Auswirkungen auf das moderne Leben in New York. Die Geschichte kreist um ein einst beliebtes Kino im Stadtteil Mawei, das in den 1980er Jahren ein sicherer Hafen für Männer war, die ihre Gefühle nicht offen ausleben konnten. Dieses sogenannte „Arbeiterkino“ war ein Ort, an dem die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen für eine Weile außer Kraft gesetzt waren, und an dem Männer auf eine Art von Freiheit hoffen konnten, die ihnen im Alltag verwehrt blieb.
Das Kino, heruntergekommen und mit einem begrenzten Programm, beschränkt sich hauptsächlich auf Kriegsfilme, doch die Zuschauer kommen nicht wegen der Filme hierher. Vielmehr ist es die Atmosphäre des Verborgenen, die sie anzieht. Hier können sie in einer Welt leben, in der ihre Identität nicht im Widerspruch zu den Erwartungen ihrer Familien steht. Die Protagonisten sind „Tongzhis“, ein Begriff aus dem Mandarin für homosexuelle Männer, die in diesem Raum die Möglichkeit finden, ihre Sehnsüchte auszuleben und sich gegenseitig zu unterstützen. Das Kino wird durch die herzliche Kassiererin Bao Mei, liebevoll „Schwester Bao“ genannt, zusätzlich zu einem Rückzugsort. Sie schützt die Kinobesucher vor neugierigen Blicken und sorgt dafür, dass sie sich sicher fühlen.
Die Erzählung entfaltet sich durch die Geschichten der drei Hauptfiguren: Old Second, ein 20-jähriger Mann, der im Arbeiterkino seine große Liebe Shun-Er findet, und Yan-Hua, die Ehefrau von Shun-Er, deren Misstrauen schließlich zu einer Tragödie führt. Als Yan-Hua ihrem Mann heimlich folgt und die Kassiererin trifft, wird ihr klar, dass das Kino ein Ort ist, an dem ihr Mann seine wahren Gefühle auslebt. Diese Entdeckung führt zu einem emotionalen Zusammenbruch, der nicht nur ihr Leben, sondern auch das von Old Second und Bao Mei für immer verändern wird. Yan-Hua, in ihrer Wut und Verzweiflung, zeigt die Schwächen des Systems, indem sie das Kino den Behörden meldet, was zu einem gewaltsamen Übergriff auf die Kinobesucher führt und tragischerweise den Suizid von Shun-Er zur Folge hat.
Tang erzählt diese emotionale und tragische Geschichte durch wechselnde Perspektiven und Rückblenden, wobei er einen allwissenden Erzähler nutzt, der die Gedanken und Gefühle der Charaktere tiefgründig beleuchtet. In der Gegenwart leben die Protagonisten nun als Einwanderer in Chinatown, New York, wo sie ihre Vergangenheit und die damit verbundenen Traumata mit sich tragen. Old Second und Bao Mei leben in einer pragmatischen Ehe, während Yan-Hua von Schuldgefühlen und Albträumen geplagt wird. Die Erinnerungen an das vergangene Kino und die verlorene Liebe verfolgen sie alle, ohne dass sie voneinander wissen.
Der Autor bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensrealitäten, die viele Migranten in Amerika erleben, und beschreibt ihre Kämpfe mit viel Humor und Sensibilität. Die Darstellung der Protagonisten als Küchenhilfen oder Lieferboten verleiht der Geschichte eine greifbare Authentizität, während Tang die Sinnlichkeit ihrer Erfahrungen mit eindrucksvoller Prosa einfängt. Gerüche, Geräusche und Bilder werden lebendig, und der Leser wird in die Welt der Charaktere hineingezogen.
Obwohl der Fokus des Romans auf der queeren Erfahrung männlicher Charaktere liegt, zeigt sich, dass die weiblichen Figuren ebenso komplexe und interessante Geschichten zu erzählen haben. Yan-Hua und Bao Mei sind nicht nur Nebenfiguren, sondern tragen ebenfalls die Last einer unterdrückenden Gesellschaft, die sie in ihren eigenen Kämpfen gefangen hält. Der Roman thematisiert nicht nur die Schwierigkeiten von Homosexualität in China, sondern auch die generelle Unterdrückung und den Schmerz, den die patriarchalen Strukturen für alle Beteiligten mit sich bringen.
„Cinema Love“ wird zu einem bedeutsamen Werk, das die Verknüpfungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schmerz und Erlösung eindringlich aufzeigt. Jiaming Tang gelingt es, die Leser auf eine emotionale Reise mitzunehmen, die nicht nur die Komplexität queerer Identitäten, sondern auch die universellen Themen von Liebe, Verlust und der Suche nach Zugehörigkeit behandelt.





