Artem Tschech: Literarische Reflexionen eines Soldaten im Ukraine-Krieg
Im Februar 2022, kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, herrschte in der Hauptstadt eine gespannte Atmosphäre. Zahlreiche Journalisten suchten nach einer Geschichte, die sie erzählen konnten – darunter auch ein britischer Reporter. In einem Café traf er auf einen Schriftsteller mit Kampferfahrung, der genau wusste, was von ihm erwartet wurde. In einem Gespräch offenbarte dieser halbherzig seine Angst und äußerte, dass er im Falle eines Kriegs erneut an die Front gehen würde. „Wir werden alle gehen“, fügte er hinzu, „diejenigen, die gehen müssen.“ Diese Aussage gefiel dem Journalisten, der sie als prägnanten Satz für seinen Artikel notierte.
Erfahrungen aus dem Donbass und erneuter Dienst
Artem Tschech diente bereits 2015 und 2016 für zehn Monate im Donbass und verarbeitete diese Zeit literarisch in seinem Buch „Nullpunkt“, das im Sommer 2022 im Wuppertaler Arco Verlag erschien. Nach dem Ausbruch des russischen Überfalls meldete sich Tschech erneut zum Militärdienst.
Sein aktuelles Werk „Musik für einen Soldaten“ ist ein dokumentarischer Roman, der die Ereignisse von den Schützengräben am Fernsehturm in Kiew bis zu den Kämpfen vor Bachmut schildert. Der Erzähler trägt den Namen des Autors, und eine wiederkehrende Thematik ist die selbstreflexive Auseinandersetzung mit den eigenen literarischen Mitteln.
Die Herausforderung der Kriegserfahrung in der Literatur
Tschech gesteht, dass er beim Schreiben des Romans zunächst glaubte, den Krieg und dessen Auswirkungen vollständig zu verstehen. Im Rückblick empfindet er diese Selbstsicherheit als naiv. Die Frage, welchen Wert persönliche Erfahrung hat, wenn sie durch noch brutalere Ereignisse überlagert wird, bleibt zentral. Ebenso stellt sich die Frage, wem diese Erfahrung gehört, wenn sie öffentlich gemacht wird.
Der Philosoph Walter Benjamin stellte nach dem Ersten Weltkrieg fest, dass Soldaten oft verstummt von den Schlachtfeldern zurückkehrten und ihre Erlebnisse kaum kommunizierbar waren. Tschech überträgt diese Beobachtung auf die heutige Situation: Der kämpfende Soldat ist zugleich Zeuge eines internationalen Kulturbetriebs, der Authentizität in besonderem Maße einfordert.
Literarische Form und Ausdruck im Krieg
Auf dem Laptop des Erzählers befindet sich ein unvollendetes Manuskript, das einen fernen Krieg thematisiert und als Dialog zwischen Stawrogin aus Dostojewskis „Die Dämonen“ und Oskar Matzerath aus Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ angelegt ist. Doch im Zustand des Krieges fehlt die Möglichkeit für lange, epische Erzählungen.
Kunst im Krieg beschreibt Tschech als „situativ und expressiv“ – eine unmittelbare, physiologische Reaktion auf aktuelle Reize. Sie sei plakativ, akut und transparent, wobei das Gestern schnell vom Heute abgelöst wird und sich neue kulturelle Produkte rasch entfalten und vergehen.
Der Erfolg dieses Stils im Buch beruht auf zwei Faktoren: Zum einen die Musik, die dem Werk seinen Titel gibt – von Chopins Nocturnes über Lana Del Rey bis zu Portishead, die während langer Nachtwachen aus der Bluetooth-Box erklingen. Musik fungiert als Ausrüstung und Gegenwelt, eine Kunstform, die der Krieg nicht entwerten kann.
Zum anderen zeichnet sich Tschech durch seinen Sinn für Humor aus. So schläft er in einer Dorfbibliothek zwischen sozialistisch-realistischen Klassikern ein und vermutet unter den Stapeln zeitgenössischer ukrainischer Literatur sogar ein eigenes Buch. Er erwägt, die Bücher im Namen bekannter Kollegen zu signieren, verzichtet jedoch aus Bequemlichkeit darauf.
Gesellschaftliche Kritik und literarische Selbstreflexion
In „Musik für einen Soldaten“ übt Tschech scharfe Kritik an der sogenannten „liberalen Liturgie“, die er bei Podiumsdiskussionen erwartet. Diese Veranstaltungen charakterisiert er als von therapeutischer Behutsamkeit geprägt, bei denen Menschen, die weit entfernt vom Krieg leben, versuchen, dessen Traumata zu verstehen – oft ohne tatsächliche Kenntnis.
- Er beschreibt diese Debatten als „möchtegern-philosophische Tänze“ rund um den Krieg und das menschliche Verständnis.
- Die Redner wollen die traumatischen Erfahrungen offen ansprechen, doch es entsteht eine Distanz zwischen Betroffenen und Außenstehenden.
- Diese „rotznäsige liberale Liturgie“ empfindet Tschech als nervig und oberflächlich.
Obwohl er gerne andere literarische Projekte verfolgen und andere Diskussionen besuchen würde, sieht sich der Autor durch die aktuelle Zeit und deren Zwänge eingeschränkt.
„Musik für einen Soldaten“ zeigt jedoch eindrucksvoll, dass Tschech besonders dann überzeugt, wenn er sich mit Trotz und Humor gegen die Erwartungen des Krieges und der Rezipienten stellt, die aus seiner Erfahrung literarische Produkte formen wollen.


















