In seinem neuen Erzählband „Die elfte Stunde“ versammelt Salman Rushdie fünf Geschichten, die sich mit den existenziellen Themen Alter und Tod auseinandersetzen. Der Leser wird eingeladen, sich auf eine literarische Reise zu begeben, die sowohl poetisch als auch philosophisch geprägt ist, und die Rushdies charakteristische Erzählweise widerspiegelt. Der Band eröffnet mit der Erzählung „Im Süden“, in der zwei alte Nachbarn, „Senior und Junior“, im Mittelpunkt stehen. Diese beiden Protagonisten verkörpern unterschiedliche Haltungen zum Alter. Während der eine, der auf ein erfülltes Leben zurückblickt, den Tod als Erlösung betrachtet und sich wünscht, er wäre bereits verstorben, gibt sich der andere, der mit der Mittelmäßigkeit seines Lebens kämpft, der „elften Stunde“ mit einem Lächeln und einem wachen Blick hin. Diese kontrastierenden Perspektiven auf das Lebensende sind typisch für Rushdies Erzählstil, der oft mit moralischen Dilemmata spielt.
Die letzte Geschichte des Bandes, „Der alte Mann auf der Piazza“, dagegen vermittelt ein Gefühl der Leere. In dieser Erzählung wird das Leben eines alten Mannes skizziert, der weitgehend ignoriert wird, und die Verzweiflung über den Verlust der Worte und der Kommunikation thematisiert. Hier wird die Frage aufgeworfen, ob Rushdies literarische Stimme mit dieser Geschichte tatsächlich einen Schwanengesang auf sein Werk und sein Leben abgibt. Glücklicherweise muss man jedoch feststellen, dass diese Erzählung nicht das Ende, sondern vielmehr ein neuer Anfang für Rushdie darstellt, der nach einem Mordanschlag 2022 eine neue literarische Phase durchlebt.
Die drei mittleren Geschichten des Bandes, die explizit für „Die elfte Stunde“ verfasst wurden, sind deutlich länger und bringen Rushdies Erzählkunst in einer Weise zur Geltung, die sowohl geographische als auch emotionale Dimensionen des Lebens abdeckt. In „Die Musikerin von Kahani“ begegnen wir einem musikalischen Wunderkind aus Indien. Ihre Geschichte ist märchenhaft und beschreibt den Aufstieg zur Berühmtheit, der jedoch in Unfreiheit und Unglück mündet. Die Protagonistin, Chadni, übt ihre Rache auf eindrucksvolle Weise aus, was die Verbindung zu Rushdies erstem großen Erfolg, dem Roman „Mitternachtskinder“, herstellt. Die Erzählstimme ist hier besonders ausgeprägt und kommentiert direkt das Geschehen, was an die Tradition des auktorialen Erzählens erinnert. Diese Technik erzeugt eine Metaebene, die den Leser dazu anregt, über die Natur des Erzählens nachzudenken.
In der zweiten Erzählung „Saumselig“ wird Rushdies Rückkehr zu seinen intellektuellen Wurzeln in England thematisiert. Hier steht der Charakter S. M. Arthur, ein gescheiterter Schriftsteller, im Mittelpunkt, der nach seinem Tod als Geist weiter durch das College wandelt. Die Erzählung wird durch den Kontakt zu einer indischen Studentin, Rosa, bereichert, die als einzige in der Lage ist, mit Arthur zu kommunizieren. Diese Verbindung zwischen den Generationen und Kulturen unterstreicht Rushdies Fähigkeit, persönliche Erfahrungen mit universellen Themen zu verknüpfen.
„Oklahoma“, die dritte neue Erzählung des Bandes, ist eine komplexe narrative Konstruktion, die mit literarischen Fragmenten und Anspielungen spielt. Hier wird die Vergänglichkeit von Kunst und Künstlern thematisiert. Rushdie schafft ein faszinierendes Spiegelkabinett, in dem Realität und Fiktion ineinander übergehen. Diese Geschichte stellt die Frage, wie sich Menschen mit ihrem eigenen Lebensende auseinandersetzen sollten – gleichmütig oder voller Wut? Diese Fragen sind besonders relevant für Rushdie, der seit Jahrzehnten mit Bedrohungen konfrontiert ist.
Insgesamt sind die Erzählungen in „Die elfte Stunde“ nicht nur Rushdies persönliche Rache an seinen Verfolgern, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Themen, die alle Menschen betreffen. Der Autor zeigt auf eindringliche Weise, dass das Leben trotz der Herausforderungen und Ängste, die das Alter und den Tod begleiten, weiterhin lebenswert und erzählenswert ist. Rushdie bleibt präsent und relevant, und „Die elfte Stunde“ ist ein kraftvolles Zeugnis seines ungebrochenen Schaffensdrangs, das die Leser dazu einlädt, über ihre eigenen Beziehungen zu Leben, Alter und Vergänglichkeit nachzudenken.





