Die Suche nach Identität im Spannungsfeld von Heimat und Entfremdung**

Im Essay „Keinheimisch“ widmet sich der Autor Tomer Dotan-Dreyfus der komplexen Problematik des Zugehörigkeitsgefühls und erforscht die Facetten des Jüdischseins in Israel und Deutschland. Der Titel des Werkes fasst prägnant die Herausforderung zusammen, die viele Menschen empfinden, wenn es um das Thema Heimat geht. In einer Welt, die durch Globalisierung und nationale Konflikte geprägt ist, wird es zunehmend schwierig, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln. Die letzten zweihundert Jahre sind von nationalistischen Strömungen und politischen Umbrüchen geprägt, die das Konzept der Heimat stark beeinflusst haben. Für Dotan-Dreyfus, der als Jude eine besondere Geschichte mit sich trägt, ist die Suche nach einem „Zuhause“ besonders herausfordernd.

Der 1987 in Haifa geborene Autor setzt sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinander, um seinen Gedanken über Identität und Heimat nachzugehen. Seine Großeltern, Holocaust-Überlebende, verloren nicht nur ihre Heimat, sondern kämpften auch ums Überleben. In der zionistischen Bewegung fanden sie einen Anker, der ihnen die Hoffnung auf eine neue Heimat in Israel gab. Doch auch dort waren sie nicht uneingeschränkt willkommen, da viele zionistische Pioniere die Flüchtlinge mit Verachtung behandelten. Diese Erfahrungen prägten nicht nur die Großeltern, sondern auch die Wahrnehmung von Dotan-Dreyfus selbst, der die Komplexität der jüdischen Identität im Kontext seiner eigenen Kindheit in Israel und seiner späteren Migration nach Deutschland untersucht.

Die Wende in der nationalen Identität Israels kam mit dem Eichmann-Prozess, als der Holocaust in das kollektive Gedächtnis des Landes einging. Die Erinnerung an diese dunkle Zeit wurde zentral für die israelische Identität und veränderte die Perspektiven auf das jüdische Leben in der neuen Heimat. Dotan-Dreyfus beschreibt, wie er in einer Zeit aufwuchs, in der der israelisch-palästinensische Konflikt eskalierte und die Gesellschaft zunehmend militarisiert wurde. Diese Erfahrungen führten ihn letztendlich dazu, nach seiner Zeit in der Armee nach Deutschland auszuwandern, was seine Sicht auf Identität und Zugehörigkeit weiter verkomplizierte.

In seinem Werk reflektiert Dotan-Dreyfus über die Ideologien, die seine Familie prägten, und versucht, sich davon zu emanzipieren. Er hinterfragt die zionistische Ideologie und deren evolutionäre Entwicklung, während er gleichzeitig versucht, eine neue Definition von Jüdischsein zu finden. Der Autor gerät dabei in das Spannungsfeld der Identitätspolitik, wo nationale Vorstellungen über das Besondere eines Volkes oft in einem antinationalistischen Gewand präsentiert werden. Er warnt davor, dass die jahrhundertelange Leidensgeschichte der Juden nicht zur Ablehnung von Integration führen sollte, sondern vielmehr als Teil eines komplexen Erbes verstanden werden muss.

Besonders eindringlich wird Dotan-Dreyfus, wenn er offen über die Verletzlichkeit seiner Identität spricht. Er schildert eindrücklich die Erlebnisse seiner Großeltern sowie die Herausforderungen, denen sie sich gegenübersahen, als sie versuchten, in einem neuen Land Fuß zu fassen. Seine ehrlichen und unverblümten Schilderungen schaffen ein Gefühl der Nähe und Authentizität. Er bringt seine Abneigung gegenüber Nationalismus und Militarismus zum Ausdruck und reflektiert die paradoxe Faszination, die viele Deutsche für Israel empfinden – eine Faszination, die oft von einem schmerzhaften historischen Kontext geprägt ist.

Tomer Dotan-Dreyfus wird von einigen als Kritiker Israels angesehen, was jedoch seiner vielschichtigen Perspektive nicht gerecht wird. Er ist ein aufrichtiger und unvoreingenommener Autor, der die Realität ohne Vorurteile betrachtet und sich trotz der Komplexität seiner Fragen auf der Suche nach Antworten befindet. Seine Erzählungen fordern dazu auf, sich mit den vielschichtigen Facetten von Identität und Heimat auseinanderzusetzen und die eigene Position in einem globalen Kontext zu reflektieren. „Keinheimisch“ ist ein eindrucksvolles Werk, das zum Nachdenken anregt und die Leser dazu einlädt, über die eigene Verbindung zu Heimat und Identität nachzudenken.