In ihrem neuesten Werk „Die Schrecken der anderen“ präsentiert die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher ein eindringliches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz. Clavadetscher, die 1979 geboren wurde und mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ den Schweizer Buchpreis 2021 gewann, kombiniert in ihrem aktuellen Buch Elemente aus Kriminalroman, Gesellschafts- und Familiengeschichte. Die Erzählung ist in der Gegenwart angesiedelt, reicht jedoch in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück und untersucht die Verstrickungen der Schweiz mit dem nationalsozialistischen Regime.
Der Roman zeigt auf vielschichtige Weise, dass Schuld und Verantwortung in komplexen sozialen Strukturen selten eindeutig zuzuweisen sind. Anfänglich könnte man die Handlung als klassische Kriminalgeschichte interpretieren, doch bei näherer Betrachtung offenbart sich ein tiefgründiger und vielschichtiger Text. Clavadetscher nutzt einen erzählerischen Stil, der durch Brüche, Spiegelungen und komplexe Verknüpfungen geprägt ist. Die einzelnen Elemente der Geschichte, die zunächst unverbunden erscheinen, fügen sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen, ähnlich einem Mosaik, dessen Muster erst aus der Distanz erkennbar wird.
Ein zentrales Element des Romans ist das fiktive Gebirgsmassiv Frakmont, das nicht nur die Landschaft prägt, sondern auch als Symbol für die unwegsamen und oft gebrochenen Strukturen innerhalb der Erzählung fungiert. Die Figuren, die in dieser Kulisse agieren, sind ebenso vielfältig wie das Terrain, auf dem sie sich bewegen. Der Text wird durch die Rückblicke in die Vergangenheit und die damit verbundenen gesellschaftlichen Fragestellungen bereichert, wodurch die Autorin eine tiefere Auseinandersetzung mit den Themen Macht, Herrschaft und Verantwortung anstößt.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei männliche Protagonisten: Kern und Schibig. Kern ist der letzte Nachfahre der einflussreichen Unternehmerfamilie Kübler-Kern und lebt im Schatten seiner dominanten Mutter, die trotz ihres körperlichen Verfalls weiterhin das Geschehen lenkt. Ihre manipulative Natur beeinflusst nicht nur Kern, sondern auch seine Ehefrau Hannah, die eine soziophobische Veranlagung aufweist. Schibig, ein Polizeiarchivar, wird als weiterer Antiheld eingeführt, der ebenfalls mit seinen inneren Dämonen kämpfen muss. Seine Entwicklung im Laufe der Geschichte zeigt, wie er sich schrittweise aus seinen Ängsten befreit, während Kern trotz seiner privilegierten Herkunft in eine existenzielle Krise gerät.
Die beiden Protagonisten treffen auf die geheimnisvolle Rosa, die im Roman als „die Alte“ bezeichnet wird. Ihre Begegnung, die durch einen Zufall zustande kommt, bildet den Ausgangspunkt für die Ermittlung eines mysteriösen Todesfalls, der gleichzeitig als Metapher für verdrängte Geschichte und unerledigte Vergangenheit dient. Der im Eis des Ödwilersees gefundene Leichnam wird zum Symbol des Unbewussten, das in das Bewusstsein drängt und die Charaktere dazu anregt, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.
Die Erzählung ist ein vielschichtiger Kommentar zur menschlichen Ohnmacht, die sowohl Kern als auch Schibig erleben. Während Kern aus einer privilegierten Position heraus zu scheitern scheint, zeigt Schibig, dass auch vermeintliche Außenseiter auf ihre Weise die Macht über ihr Schicksal zurückgewinnen können. Diese parallelen Entwicklungen werfen grundlegende Fragen zu Geschlechter- und Machtverhältnissen auf und laden zur Reflexion über die Rolle des Individuums innerhalb der Gesellschaft ein.
Clavadetschers Roman regt dazu an, Geschichte nicht nur als eine Abfolge von Ereignissen zu betrachten, sondern als ein dynamisches Gefüge, das die individuelle Identität formt. Die Autorin zeigt auf, wie Geschichte in den sozialen Strukturen der Gegenwart verankert ist und wie sie uns alle betrifft – oft ohne dass wir es wahrnehmen. Die Worte der Alten verdeutlichen dies eindringlich: Wenn Verbrechen über lange Zeit hinweg unbemerkt bleiben, geschieht es vor unseren Augen, doch wir erkennen die Realität nicht.
Insgesamt gelingt es Martina Clavadetscher, die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Strukturen in einem fesselnden Erzählstil zu erfassen und die Leser zum Nachdenken über die dunklen Seiten der Geschichte anzuregen. „Die Schrecken der anderen“ ist ein eindringlicher Roman, der die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Verstrickungen von Macht und Verantwortung auf eindrucksvolle Weise





