Ursula K. Le Guins „Der Tag vor der Revolution“: Ein zeitloser Schatz fantastischer Erzählungen**

Ursula K. Le Guin gehört zu den herausragendsten Stimmen der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur. Ihre Werke, die von den 1960er bis zu den 1980er Jahren entstanden, haben nicht nur die Genrelandschaft geprägt, sondern auch bis heute Einfluss auf zahlreiche Autoren und Leser. Besonders bekannt sind ihre Erdsee-Romane sowie die bahnbrechenden Werke aus dem Hainish-Universum, darunter „Die Unentbehrlichen“ und „Die linke Hand der Dunkelheit“. Auch in der Gegenwart erfreuen sich ihre Bücher großer Beliebtheit, wie die kürzliche deutsche Übersetzung ihres Opus Magnum „Always Coming Home“ zeigt.

Der Tor-Verlag hat nun eine Sammlung von Le Guins fantastischen Kurzgeschichten herausgebracht, die unter dem Titel „Der Tag vor der Revolution“ firmiert. Dieser umfangreiche Band enthält 23 Geschichten, die in zwei Abschnitte unterteilt sind. Der erste Teil, betitelt „Im Labyrinth“, versammelt eigenständige Erzählungen, während der zweite Teil Geschichten aus dem Hainish-Universum präsentiert, die teilweise den Umfang längerer Novellen erreichen. Interessanterweise wird der Titel des Buches auch von einer der enthaltenen Erzählungen inspiriert.

Zu Beginn jedes Abschnitts findet sich ein nicht-fiktionaler Text, der die Leser auf die nachfolgenden Geschichten einstimmt. Im ersten Teil eröffnet Le Guin mit einem provokanten Essay mit dem Titel „Science Fiction lese ich nicht“. Darin argumentiert sie, dass Science-Fiction für viele Leser eine wichtige erzählerische Form darstellt, die sich mit relevanten und ansprechenden Themen auseinandersetzt. Le Guins eigene Werke, ebenso wie die von anderen Autorinnen des Genres, belegen diese Sichtweise. Dennoch gibt es, wie sie anmerkt, auch viele Science-Fiction-Texte, die diesem Anspruch nicht gerecht werden.

Le Guins Wertschätzung für das Genre beruht auf dessen „Lebendigkeit, Aufgeschlossenheit und der Fähigkeit, mit der Fantasie zu spielen“. Diese Qualitäten spiegeln sich in ihren eigenen Geschichten wider, die zwischen 1969 und 1995 entstanden sind. Einige der Erzählungen wirken zwar etwas verstaubt, da sie in der Vergangenheit verankert sind, doch bleibt ihre Originalität unverkennbar. Geschichten wie „Die aus Omelas fortgehen“ und „Das Gesichtsfeld“ zeigen Le Guins bemerkenswerte Fähigkeit, komplexe Themen in fesselnde Erzählungen zu verpacken.

Eine der einprägsamsten Geschichten ist „Schrödingers Katze“, in der Le Guin das berühmte Gedankenexperiment aufgreift und die Fragen zur Wahrnehmung und Realität thematisiert. Hier zeigt sich ihr außergewöhnliches Talent, tiefgründige philosophische Überlegungen in eine fesselnde narrative Form zu gießen. Auch andere Geschichten, wie „Der gewandelte Blick“, wecken Assoziationen zu literarischen Größen wie Samuel Beckett, was die Tiefe und Vielschichtigkeit ihrer Erzählungen unterstreicht.

Im zweiten Teil des Bandes finden sich weitere Geschichten, die sich mit Genderfragen und gesellschaftlichen Normen auseinandersetzen. Le Guin erörtert Geschlechterklischees und die Wahrnehmung von Realität durch den menschlichen Geist, was in Geschichten wie „Die Geschichte der Shobys“ und „Nach Ganam tanzen“ deutlich wird. In diesen Erzählungen wird die Verlässlichkeit der Wahrnehmung und die Subjektivität von Erfahrungen thematisiert, was sie besonders zeitlos macht.

Die Settings in Le Guins Geschichten sind oft von monarchischen und ländlichen Gesellschaften geprägt, was ihre Abneigung gegenüber technologischem Pomp und pseudowissenschaftlichen Erklärungen reflektiert. Stattdessen konzentriert sie sich auf die menschlichen Beziehungen und die Komplexität der sozialen Strukturen. In „Der Tag der Vergebung“ und „Der Fall Seggri“ beleuchtet sie die Dynamiken innerhalb von Geschlechterverhältnissen und die sozialen Ungleichheiten, die in ihren fiktiven Welten existieren.

Die Vielfalt und der Einfallsreichtum in Le Guins Erzählungen garantieren, dass sie auch nach vielen Jahren noch relevant und ansprechend sind. Ihre Fähigkeit, komplexe Themen in fesselnde Geschichten zu verpacken, hebt sie von vielen zeitgenössischen Science-Fiction-Werken ab, die oft schnell altern und in ihrer Relevanz verlieren. Mit „Der Tag vor der Revolution“ lädt Le Guin die Leser ein, in ihre faszinierenden Welten einzutauchen und die zeitlosen Fragen der Menschheit zu erkunden.