Das neu erschienene Lesebuch von Marc Degens, das im Rahmen der Kleinen Westfälischen Bibliothek des Nyland Verlags als Band 148 veröffentlicht wurde, eröffnet den Leserinnen und Lesern einen faszinierenden Zugang zu den vielschichtigen Facetten des poetologischen Selbstverständnisses des Autors. Degens hat die Auswahl der Texte selbst getroffen, wobei diese aus einem Zeitraum von 1993 bis zur Veröffentlichung seines jüngsten Romans „Verführung der Unschuldigen“ stammen. In diesem Lesebuch finden sich nicht nur literarische Werke, sondern auch tiefgreifende Einblicke in die Gedankenwelt und die Inspirationsquellen des Autors.
Degens, der in der Region Ruhrgebiet verwurzelt ist, nutzt dieses Gebiet oft als eine Art Heimat für seine Geschichten. In einem seiner Texte, „Nottbeck City Limits“, spricht er über die Struktur seiner Erzählungen und vergleicht diese mit dem Ruhrgebiet, das er als ein Rhizom beschreibt – ein Netzwerk ohne klare Mitte, in dem alles miteinander verbunden ist. Diese Metapher verdeutlicht, dass seine Romane sowohl eigenständige Geschichten erzählen als auch in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Das Ruhrgebiet wird somit weniger zum Thema seiner Werke, sondern vielmehr zu einem stilistischen Element, das die Form seiner Erzählungen prägt.
Das Lesebuch gibt den Leserinnen und Lesern auch einen Einblick in Degens’ persönliche Biografie. Es werden Stationen seines Lebens thematisiert, die für seine schriftstellerische Laufbahn prägend waren, wie seine Herkunft, sein Studium in Bochum und die Anfänge seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Zudem wird die Gründung seines Verlags „SUKULTUR“ erwähnt, welcher die Leseheftreihe „Schöner Lesen“ und die Reihe „Fragen der Philosophie“ (später umbenannt in „Aufklärung und Kritik“) herausbrachte. Ein innovativer Aspekt seiner Verlagsarbeit war die Idee, diese Hefte in speziellen Automaten anzubieten, was einen frischen Zugang zur Literatur darstellt.
Der Autor reflektiert auch über seine journalistischen Tätigkeiten, wie etwa seine Kolumne „Unsere Popmoderne“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. In dieser Kolumne beschäftigt er sich mit zeitgenössischen Themen und der kulturellen Entwicklung. Zudem wird Degens’ Rolle in der Debatte um den Plagiatsvorwurf bezüglich Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ angesprochen, was zeigt, dass er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als kritischer Denker in Erscheinung tritt.
Ein zentrales Thema des Lesebuchs ist Degens’ poetologisches Selbstverständnis. Er reflektiert über seine literarischen Vorbilder, darunter Wolfgang Herrndorf und Rainald Goetz, und betont die Bedeutung seines Mentors Michael Rutschky. Rutschky spielte eine entscheidende Rolle in Degens’ Entwicklung als Autor, indem er ihm wertvolle Ratschläge erteilte und ihn in der literarischen Szene empfahl. Der Satz „Herr Degens, Sie gehen schon Ihren Weg“ verdeutlicht das Vertrauen, das Rutschky in Degens hatte und das ihn motivierte, seinen eigenen Stil und seine Stimme zu finden.
Degens’ Lesebuch ist nicht nur eine Sammlung von Texten, sondern auch ein Zeugnis seines künstlerischen Schaffens und seiner persönlichen Entwicklung. Es bietet den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, die Entwicklung eines Autors nachzuvollziehen, der fest in seiner Heimat verwurzelt ist und gleichzeitig die literarischen Strömungen seiner Zeit reflektiert. Seine Werke sind ein Spiegelbild des Ruhrgebiets und dessen kultureller Identität; sie laden ein, die Verbindungen zwischen den einzelnen Erzählungen und den Erfahrungen des Autors zu entdecken. In diesem Sinne ist das Lesebuch ein wertvolles Werkzeug, um die Tiefe und Vielschichtigkeit von Marc Degens’ Literatur zu erkunden und zu verstehen.
Insgesamt bleibt abzuwarten, wohin diesen kreativen Weg Degens noch führen wird, und welche neuen Perspektiven er in Zukunft in die literarische Landschaft einbringen kann.





