Marlies Blauths neuer Lyrikband „Das Rot eines kühlen Montags“ erscheint in der Edition Offenes Feld und bietet einen eindrucksvollen Kontrast zur grauen Alltagsrealität. Die visuelle Präsenz von Schwarz und Rot auf dem Cover zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich und erinnert an Stendhals Roman „Le Rouge et le Noir“, in dem es um gesellschaftliche Ambitionen und deren Scheitern geht. Bei Blauth manifestieren sich diese Farben jedoch nicht als bloße Anspielung, sondern als grundlegende Elemente, die eine tiefere emotionale und atmosphärische Ebene ihrer Gedichte schaffen.
Für die 1957 geborene Künstlerin ist Farbe viel mehr als nur eine ästhetische Oberfläche; sie ist ein zentrales Motiv, das sich durch ihr gesamtes Werk zieht. Blauth hat Kommunikationsdesign, Kunst und Biologie studiert und war über zwei Jahrzehnte als Lehrbeauftragte an der Universität Wuppertal tätig. In der Kunst wie in der Literatur verbindet sie meisterhaft Bild und Wort, was ihre vielfältigen Einzelausstellungen – wie „Rot+Gelb+Blau“ und „Blau[th]“ – eindrucksvoll unterstreicht.
Seit 2011 hat sich Blauth verstärkt der Lyrik zugewandt, was zu mehreren Gedichtbänden geführt hat, darunter „Zarte Takte tröpfelt die Zeit“ (2015) und „Bilder aus Kohlenstaub“ (2021). Ihr neuester Band, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, ist ein weiteres Beispiel für die Synthese von Kunst und Poesie. In „Das Rot eines kühlen Montags“ wechseln sich Gedichte, Bilder und Illustrationen in einem harmonischen Zusammenspiel ab, das dem Leser eine klare und eindringliche Sprache bietet.
Die Sprache Blauths ist dabei stets präzise und sensibel. Sie beschreibt mit klaren Bildern, wie die Blütendolden in Gärten mit Milch und Glas assoziiert werden, und thematisiert die Berührung mit der Natur. Diese heiteren und farbigen Beschreibungen bieten jedoch nicht nur Freude, sondern fungieren auch als Rückzugsort vor der Kälte einer industrialisierten Welt, die durch austauschbare Hochhäuser und graue Oberflächen geprägt ist. Das lyrische Ich findet Trost in der Langsamkeit der Jahreszeiten und der Stille des Rückzugs, was dazu beiträgt, die Leere der äußeren Welt zu mildern.
Im Verlauf des Bandes wird das Meer zu einem zentralen Motiv, das sowohl eine Bedrohung als auch eine Quelle spiritueller Resonanz darstellt. Blauth beschreibt die Umweltverschmutzung und den Verlust von Reinheit, indem sie Bilder von Plastik und Müll verwendet, die in scharfen Kontrasten zu den natürlichen Elementen stehen. Hier wird die Natur zum Spiegel des Anthropozäns, einer Zeit, in der menschliches Handeln die Erde massiv beeinflusst.
Die Gedichte zeigen eine Trauer über den Verlust eines einstigen Glaubens, der nicht mehr in traditionellen Dogmen verwurzelt ist, sondern sich in einer persönlichen Spiritualität manifestiert, die durch Natur, Kunst und emotionale Bindungen geprägt ist. In diesen Texten finden sich auch Fragen nach dem Sinn und der Bedeutung von Glauben, während gleichzeitig eine Sehnsucht nach verlorener Leichtigkeit und kindlicher Offenheit zum Ausdruck kommt.
Blauths Gedichte sind nicht nur sprachliche Kompositionen, sondern auch visuelle Arrangements, in denen Titel und Weißraum entscheidende Rollen spielen. Sie schafft eine dichte Verflechtung von Bild und Text, die den Leser dazu einlädt, Bedeutungen zu entdecken und zu reflektieren. Die Leere wird nicht ignoriert, sondern als Teil der menschlichen Erfahrung akzeptiert.
„Das Rot eines kühlen Montags“ bietet somit eine subtile, jedoch eindringliche Antwort auf das Grau der Gegenwart. Blauths Farben sind nicht übermäßig optimistisch, sondern nuanciert und vielschichtig, und manchmal genügt es, einen kleinen Lichtstrahl in die Dunkelheit zu bringen. Diese Lyrik ist ein stiller Aufschrei, der in der Stille nachhallt und den Leser dazu anregt, die Schönheit und Komplexität der Welt um sich herum neu zu entdecken.





