Gerechtigkeit auf dem Prüfstand: Eine Analyse von Gabriel Zucmans Vorschlägen zur Reichenbesteuerun…

In der politischen Debatte über Gerechtigkeit und Steuerverteilung wird oft die Forderung laut, die reichsten Mitglieder der Gesellschaft stärker zu besteuern. Diese Diskussion ist nicht neu und wird häufig von den gleichen Argumenten begleitet: den Befürchtungen über Kapitalflucht, die möglichen negativen Auswirkungen auf Investitionen und den Vorwurf der Neidkultur. Der Pariser Ökonom Gabriel Zucman, ein Schüler von Thomas Piketty und bekannt für seine Analysen zu Steuervermeidung und Vermögensungleichheit, beleuchtet diese Problematik in seinem Essay „Reichensteuer. Aber richtig!“. Zucman geht es weniger um symbolische Umverteilung, sondern um die grundlegende Funktionsfähigkeit von Steuersystemen in einer globalisierten Welt.

Sein zentrales Anliegen ist die Einführung einer Mindeststeuer von zwei Prozent auf das Vermögen von Haushalten, deren Vermögen mehr als 100 Millionen Euro beträgt. Zucman kritisiert, dass diese Idee in den französischen Medien häufig nur als ein Instrument zur Haushaltskonsolidierung betrachtet wird. Obwohl es berechtigt ist, die Höhe der Staatsquote zu hinterfragen, bleibt die Tatsache bestehen, dass die Umsetzung von Steuergerechtigkeit für die wohlhabendsten Bürger ein zwingendes Problem darstellt. Wenn Staaten nicht bereit sind, die Steuerprogression auch auf die Ultrareichen anzuwenden, entziehen sie sich der Verantwortung, die Gerechtigkeit in ihren Gesellschaften aufrechtzuerhalten.

Im Oktober 2025 wurde Zucmans Vorschlag im französischen Parlament abgelehnt. Sein Ansatz ist speziell auf die französischen Gegebenheiten zugeschnitten und verwendet Daten sowie Steuerrecht aus Frankreich. Dennoch ist es wichtig, die Argumente in einem breiteren europäischen Kontext zu betrachten. Zucmans Analyse zeigt, dass die Steuerlast in Frankreich für den Durchschnittsbürger bei etwa 50 Prozent liegt, während Milliardäre nur eine effektive Abgabenquote von 13 Prozent zahlen, plus 12 Prozent im Ausland. Diese Diskrepanz verdeutlicht die Ungerechtigkeit im bestehenden Steuersystem, das die Ultrareichen begünstigt.

Ein zentrales Argument in Zucmans Untersuchung ist, dass die Einkommensquellen der Reichen oft nicht aus regulären Löhnen bestehen, sondern aus Dividenden und Unternehmensgewinnen. In der Europäischen Union wird die Steuervermeidung durch Regelungen wie die Mutter-Tochter-Richtlinie erleichtert, die es großen Unternehmen ermöglicht, Dividenden steuerfrei zu beziehen. In den USA hingegen ist die Situation komplizierter, da Firmen wie Amazon und Tesla ihren Eigentümern keine Dividenden auszahlen. Stattdessen realisieren diese ihr Vermögen durch den Verkauf von Aktien, was zu einer geringeren Besteuerung führt.

Zucmans Vorschlag zur Einführung einer Mindeststeuer von zwei Prozent könnte die Erträge der Ultrareichen signifikant beeinflussen. Diese Steuer würde ihre Vermögensgewinne um ein Drittel verringern und könnte im Durchschnitt einem Einkommenssteuersatz von 33 Prozent entsprechen. In Kombination mit der Körperschaftssteuer würde dies die Steuerlast der Ultrareichen auf das Niveau eines Durchschnittsbürgers erhöhen. Zucmans Argumentation regt dazu an, die eigene Haltung zur Steuergerechtigkeit zu hinterfragen und zu überlegen, wie ernsthaft Staaten diese Prinzipien verfolgen.

Die Komplexität der Besteuerung Ultrareicher erfordert sowohl internationale Kooperation als auch innovative Lösungen. Zucman schlägt vor, dass Steuerexperten und nicht Einzelpersonen aus der Politik oder Medien Entscheidungen über die richtige Besteuerung dieser Gruppe treffen sollten. Eine gerechte Besteuerung könnte auch Maßnahmen beinhalten, die den Mittelstand und Unternehmensgründungen fördern, um eine ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.

Ein häufiges Argument gegen eine Erhöhung der Besteuerung der Reichen ist die Angst vor deren Wegzug. Zucman erkennt dieses Risiko an und schlägt vor, Mechanismen zu entwickeln, die eine Abwanderung unattraktiv machen, beispielsweise durch eine Wegzugssteuer oder die Besteuerung auf Grundlage der Nationalität. Darüber hinaus könnte die Steuerzahlung in Form von nicht stimmberechtigten Aktien erfolgen, um den Unternehmern die Kontrolle über ihre Unternehmen zu lassen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Zucmans Vorschlag zur Reichensteuer nicht nur eine Lösung für das Problem der Steuerungerechtigkeit darstellt, sondern auch dazu anregt, grundlegende Fragen zur Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu diskutieren. Wie ernst nehmen wir die Prinzipien der Steuergerechtigkeit? Diese Frage bleibt zentral, wenn es darum geht, eine gerechte und funktionierende Gesellschaft zu gestalten, in der Wohlstand und Verantwortung fair verteilt werden