Im Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele, die nun seit 150 Jahren bestehen, stellt sich die grundlegende Frage: Was genau ist Bayreuth? Es handelt sich zweifellos um ein markantes deutsches Kulturphänomen, das es vermag, Verbindungen von Thomas Mann bis Thomas Gottschalk zu schlagen. Doch gleichzeitig könnte man es auch als den Traum eines Adolf Hitlers beschreiben, der sich tugendhafte Ritter und ein übersteigertes Erlösungspathos wünschte. Tatsächlich ist Bayreuth beides: ein Gesamtkunstwerk und ein Ort der Projektion, ein außergewöhnliches Erlebnis und ein Drama der Erbfolge. Die Stadt und ihre Festspiele stehen in einem Spannungsfeld zwischen völkischer Ideologie und berauschender Kunst, zwischen Ikonen der Hochkultur und einer düsteren Vergangenheit, die in der deutschen Geschichte fest verankert ist.
Über Generationen hinweg hat die Wagner-Dynastie eine historische Verklärung kultiviert, während sie sich in gesellschaftlichen und politischen Fragen oft als unfehlbar herausstellt. Diese Dynamik wirft die Frage auf, ob Bayreuth über ein Jahrhundert hinweg eine Farce war oder ob es gerade deshalb ein bedeutendes Kulturphänomen ist, weil es sich unbeeindruckt durch die Zeit in die Gegenwart gerettet hat. Bernd Buchners Buch „Wagners Welttheater“ bietet einen kritischen Zugang zu diesem Thema und setzt Maßstäbe für das Verständnis von Bayreuth.
Buchner betrachtet Bayreuth nicht nur als einen Ort der Opernaufführungen, sondern als eine Bühne für Selbstdeutung, auf der Kunst, Kult und Kalkül in einem komplexen Spiel miteinander verbunden sind. In seinem über vierhundert Seiten umfassenden Werk wird deutlich, dass die Leser:innen mit einer ambivalenten Wahrnehmung zurückbleiben. Die anfängliche Analyse beleuchtet die Spannungen zwischen Richard Wagner und Otto von Bismarck, zwischen dem bayerischen und dem preußischen Staat, und thematisiert die ambitionierte Idee, einen Staat auf musikalischen Werten zu gründen. Bayreuth wird somit zu einem Mikrokosmos Preußens und zu einem Labor für nationalistische Ästhetiken, die sich als politische Projekte auffassen lassen.
Die Rolle Friedrich Nietzsches in diesem Kontext ist ebenso vielschichtig. Zunächst bewunderte er Wagner, entwickelte jedoch später eine kritische Haltung, die ihn in die Rolle eines unfreiwilligen Zeitzeugen drängte. Buchner analysiert präzise die Wechselwirkungen zwischen Wagner und den bedeutendsten Persönlichkeiten des späten 19. Jahrhunderts. Dabei wird nachvollziehbar, wie aus dem Bestreben, eine „nationale Identität“ zu schaffen, eine toxische Mischung aus Überheblichkeit und Selbstüberschätzung erwuchs, die schließlich in Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit mündete. Bayreuth steht somit nicht nur für Kunst, sondern auch für eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Pathos oft die Einsicht übertrumpft.
Die Entnazifizierung der Bayreuther Festspiele verlief weitgehend unauffällig und wurde nicht als Bruch, sondern als ein Umbau im Geiste der Kontinuität wahrgenommen. Buchner beschreibt, wie die Verbrechen des NS-Regimes erst nach und nach ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drangen und wie die Anhänger des Dritten Reichs schnell begannen, eine Legende zu spinnen, in der sie sich von den Verbrechen distanzierten. Diese Tendenz zur Selbstentlastung, die sich durch das Schweigen und die anschließende Mythologisierung äußert, zeigt sich auch in der politischen Kultur Deutschlands nach dem Krieg.
In den 1990er-Jahren, einer Zeit des Wandels, blieb Bayreuth seiner Tradition treu und sortierte sich vor allem selbst. Die Aufführungen pendelten zwischen politischen Botschaften und apolitischen Interpretationen. Wenn es nicht die grandiose Musik Wagners gäbe, könnte man versucht sein, das Geschehen als bloßen Zirkus abzutun. Doch die Unverbindlichkeit und Vieldeutigkeit der Bayreuther Festspiele reflektiert eine moderne Signatur, in der jede Lesart auch das Gegenteil sein kann.
Buchners Buch ist keine Abrechnung, sondern ein Angebot zur Reflexion. Es konfrontiert die Leser:innen mit der Komplexität des Themas und zwingt zu einem tiefergehenden Nachdenken über die Entstehung von Legenden, Verantwortung und die Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Die Neufassung von „Wagners Welttheater“ hat sich dem kritischen Diskurs über die eigene Vergangenheit gewidmet und bleibt dabei eine fundierte Analyse.
Für alle,





