In seinem Werk „Über phantasmatische Vernunft“ beschäftigt sich Heiner Hirblinger mit der Frage, wie Rationalität durch verschiedene gesellschaftliche und psychologische Einflussfaktoren an Wahrheitsgehalt verliert. Hirblinger, der als Philosoph, psychoanalytischer Pädagoge und ehemaliger Lehrer tätig ist, beleuchtet in seinen Essays die komplexen Beziehungen zwischen rationalem Denken und religiösen Deutungsmustern, sowie den damit verbundenen Macht- und Verdrängungsprozessen. Ziel seiner Untersuchung ist es nicht, die Vernunft zu diskreditieren, sondern sie unter den Bedingungen der modernen Zivilisation kritisch zu hinterfragen.
Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, die eine Vielzahl von Themen abdecken. Die Titel reichen von „Die Wahrheitsfrage“ bis zu „Die Vernunft des Settings und die Idee der Bildung“. Diese thematische Vielfalt verdeutlicht, dass Hirblinger kein starres theoretisches Konstrukt bieten möchte, sondern eine Reihe von Essays präsentiert, die unterschiedliche Facetten der phantasmatischen Rationalität beleuchten. Diese Struktur ermöglicht es, verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens zu untersuchen, darunter religiöse Traditionen, literarische Erfahrungen sowie digitale Sozialisationen und Bildungssysteme.
Ein zentrales Anliegen des Buches ist die Analyse der Machtprozesse, die oft im Namen von Sicherheit und Ordnung den offenen Diskurs über Wahrheit einschränken. Hirblinger zeigt auf, wie solche Prozesse in verschiedenen gesellschaftlichen und religiösen Kontexten Ressentiments fördern und zu reaktiven Denkweisen führen, die Konfliktlösungen behindern. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass Tabuisierungen und kollektive Affekte das rationale Abwägen untergraben können, ohne dass diese Dynamiken als irrational wahrgenommen werden. Die Erkenntnis, dass Wahrheit und Phantasma nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet werden sollten, ist eine wichtige Intervention, die Hirblinger in seinem Vorwort formuliert.
Besonders hervorzuheben sind die Essays über die Dichter Hölderlin und Navid Kermani, die Hirblingers eigene wissenschaftliche Wurzeln reflektieren. Hier stellt er die Frage, wie ästhetische Erfahrungen und deren Verarbeitung zur Kritik an phantasmatischer Vernunft beitragen können. In Anlehnung an Freuds Theorien wird deutlich, dass das Wiederauftauchen von Verdrängtem den Zugang zu verborgenen Wahrheiten eröffnet. Ästhetische Erfahrungen fungieren als Medium, in dem blockierte Bedeutungen wieder sichtbar werden können. Für Hirblinger ist es von zentraler Bedeutung, eine Form von Vernunft zu entwickeln, die sich ihrer eigenen Abgründe bewusst ist, anstatt diese zu leugnen.
Das Buch „Über phantasmatische Vernunft“ bietet keine schnellen Antworten oder klaren Thesen, sondern zeichnet sich durch eine geduldige, essayistische Herangehensweise aus. Hirblinger verknüpft psychoanalytische, theologische, literarische und bildungstheoretische Perspektiven, um ein vielschichtiges Bild moderner Rationalität zu entwerfen. In einer Zeit, in der das Verständnis von Vernunft oft auf rein rationale Entzauberung reduziert wird, plädiert er dafür, Vernunft als ein historisch gewachsenes, affektives und institutionell geprägtes Phänomen zu begreifen.
Die Stärke des Buches liegt in seiner Offenheit und der Bereitschaft, verschiedene Perspektiven nebeneinander zu stellen, anstatt ein geschlossenes System zu schaffen. Diese Herangehensweise ermöglicht es dem Leser, sich mit den komplexen und oft widersprüchlichen Aspekten von Rationalität und Religion auseinanderzusetzen und neue Einsichten zu gewinnen. Hirblingers kritische Auseinandersetzung mit der Thematik regt dazu an, das eigene Verständnis von Vernunft zu hinterfragen und die vielschichtigen Einflüsse zu erkennen, die unser Denken prägen.
Insgesamt bietet „Über phantasmatische Vernunft“ eine tiefgehende Analyse der Wechselwirkungen zwischen Rationalität und religiösen Deutungsmustern und lädt den Leser ein, sich kritisch mit den Bedingungen und Grenzen rationalen Denkens in der modernen Welt auseinanderzusetzen.





