In ihrem Werk „Organisch“ geht Giulia Enders, die als Ärztin und Science-Slammerin bekannt ist, einem faszinierenden Konzept nach: Sie verknüpft menschliche Organe mit Personen aus ihrem persönlichen Umfeld, insbesondere ihrer Familie und Freunden. Dies ist eine Fortsetzung ihres erfolgreichen Debüts „Darm mit Charme“, in dem sie auf humorvolle und zugängliche Weise das oft vernachlässigte Thema des menschlichen Darms beleuchtet. Mit „Organisch“ wagt sie nun den Schritt, die Komplexität und die Funktionen von Organen nicht nur medizinisch zu erklären, sondern sie auch mit emotionalen und familiären Assoziationen zu verknüpfen.
Enders beginnt das Buch mit der provokanten Frage: „Wenn du ein Organ wärst, welches wärst du dann?“. Diese Frage fordert die Leser dazu auf, über ihre eigene Identität und die Verbindung zu ihrem Körper nachzudenken. Die Autorin schafft es, das, was zunächst bizarr erscheinen mag, in einen tiefgreifenden Kontext zu setzen. So vergleicht sie beispielsweise die Muskulatur des Menschen mit ihrer Mutter, die sie als tatkräftig und anpackend beschreibt. Dieses Bild verdeutlicht, wie familiäre Eigenschaften und Verhaltensweisen auf die Funktionsweise des Körpers projiziert werden können.
Ein weiteres Beispiel ist das Immunsystem, das Enders mit einem kreativen Onkel verknüpft. Hierbei wird die Vorstellung von Kampf und Verteidigung, die oft mit dem Immunsystem assoziiert wird, hinterfragt. Enders regt dazu an, über die vorherrschenden Begriffe nachzudenken, die wir verwenden, um unseren Körper zu beschreiben. Sie kritisiert den Gebrauch technischer und militärischer Metaphern, die den menschlichen Körper oft als Maschine oder Schlachtfeld darstellen. Diese Sichtweise, so argumentiert sie, verzerrt unser Verständnis für die tatsächlichen Funktionen und Qualitäten unseres Körpers.
Die Autorin beleuchtet auch die Komplexität des menschlichen Gehirns, das sie mit ihrer Schwester verknüpft. Sie beschreibt, wie die unterschiedlichen Hemisphären des Gehirns unterschiedliche Eigenschaften verkörpern: eine Seite ist analytisch und rational, während die andere kreativ und hinterfragend ist. Enders betont, dass die Stärke der Schwestern in der Zusammenarbeit liegt, ähnlich wie die beiden Hirnhälften synergistisch agieren. Diese Analogie zeigt nicht nur, wie organische Strukturen miteinander verbunden sind, sondern auch, wie zwischenmenschliche Beziehungen und Identitäten geformt werden.
Enders behandelt außerdem die Lunge und die Haut, wobei sie diese Organe mit Leichtigkeit und Witz erklärt. Sie nutzt humorvolle Anekdoten und persönliche Geschichten, um die oft trockenen wissenschaftlichen Informationen lebendig und nachvollziehbar zu machen. Besonders beeindruckend ist ihre Betrachtung der Lunge, die in der Lage ist, sowohl bewusst als auch unbewusst gesteuert zu werden – ein einzigartiges Merkmal im Vergleich zu anderen Organen.
Ein zentrales Anliegen von Enders ist es, den menschlichen Körper als mehr zu begreifen als nur als funktionalen Apparat. Ihre Betrachtungen laden dazu ein, die eigene Körperwahrnehmung zu hinterfragen und die organischen Systeme als integralen Bestandteil der persönlichen Identität zu sehen. Sie möchte, dass die Leser erkennen, dass die Organe nicht nur biologische Funktionen erfüllen, sondern auch essenziell für das Verständnis dessen sind, was es bedeutet, menschlich zu sein.
Mit „Organisch“ gelingt Giulia Enders ein persönliches und gleichzeitig lehrreiches Buch, das sowohl Wissen vermittelt als auch zum Nachdenken anregt. Die Leserschaft darf gespannt sein, ob es eine Fortsetzung geben wird, in der Enders möglicherweise weitere Verbindungen zwischen ihrer Familie und den verschiedenen Organen zieht. Vielleicht erfahren wir dann mehr über die Eigenschaften der Wirbelsäule oder des Schlüsselbeins und wie sie sich in ihrem persönlichen Leben widerspiegeln – ein weiterer Beweis dafür, dass die Verknüpfung von Wissenschaft und persönlichen Geschichten zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Körpers führen kann.





