In der Erzählung „Lorna“ des fast 88-jährigen Autors Paul Maar wird eindrucksvoll die komplexe Psyche einer Persönlichkeit skizziert. Maar, der als herausragender Kinder- und Jugendbuchautor bekannt ist, insbesondere durch seine Schöpfung des fantasievollen Wesens Das Sams, widmet sich in diesem Werk einem ernsteren Thema. Während Das Sams Millionen von Lesern begeistert hat, zeigt „Lorna“ eine vielschichtige Erzählung über Liebe, Verlust und die Herausforderungen psychischer Erkrankungen.
Liebesbeziehungen und deren Störungen
Um einen Menschen ganz kennenzulernen, ist es notwendig, ihn auch in seinen Liebesbeziehungen zu verstehen … Wir müssen von ihm aussagen können, ob er sich in Angelegenheiten der Liebe richtig oder unrichtig verhält, wir müssen feststellen können, warum er in einem Fall geeignet, im anderen Falle ungeeignet ist oder sein würde.
Wenn man außerdem bedenkt, dass von der Lösung des Liebes- und Eheproblems vielleicht der größte Teil des menschlichen Glücks abhängig ist, wird uns sofort klar, dass wir eine Summe der allerschwerstwiegenden Fragen vor uns haben, die den Gegenstand dieses Buches bilden.
Die Geschichte wird aus der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzählers geschildert, der in seiner Jugend mit Lorna, einem Mädchen aus seiner Clique, Fußball spielt. Beide Kinder wachsen in alleinerziehenden Familien auf, was bereits die ersten Schatten auf ihre spätere Lebensgestaltung wirft. Lorna entwickelt als Teenager eine Beziehung zu Magnus Schmidt, einem Jungen, der aufgrund einer Polio-Infektion körperlich eingeschränkt ist. Tragischerweise stirbt Magnus bei einem Autounfall, während Lorna schwer verletzt überlebt. Diese traumatischen Erfahrungen prägen Lorna und beeinflussen ihr späteres Verhalten.
Einige Jahre nach dem Unfall wird Lorna romantisch mit dem Erzähler verbunden, und sie ziehen gemeinsam in eine Wohngemeinschaft. Doch bald merkt der Erzähler, dass Lorna innere Kämpfe ausfechtet, die sich in einer zunehmenden Unruhe äußern. Ihre Probleme eskalieren, als sie absichtlich einen Brand im Wohnhaus legt und beim Fahren unter Alkoholeinfluss mehrere parkende Autos beschädigt. Dies führt dazu, dass sie in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wird. Obwohl ihre Medikation zunächst stabilisierend wirkt, setzt sie die Einnahme ihrer Lithium-Tabletten ab und gerät erneut in eine Abwärtsspirale, die sie zurück ins Krankenhaus führt.
Die Beziehung zwischen Lorna und dem Erzähler ist von starker Ambivalenz geprägt. Der Erzähler findet sich in einem emotionalen Chaos wieder und wird Zeuge von Lornas wechselnden Beziehungen zu verschiedenen Männern, darunter Victor, ein heroinabhängiger Mitbewohner. Der Erzähler selbst zieht schließlich aus, als er erkennt, dass Lorna möglicherweise für Victors Tod verantwortlich ist, was die Tragik ihrer Situation unterstreicht.
Ein zentrales Motiv der Erzählung ist die bipolare Störung, die Lorna betrifft. Maar thematisiert die Schwierigkeiten, die mit dieser Erkrankung einhergehen, ohne sie zu romantisieren oder zu verharmlosen. Die emotionale Achterbahnfahrt von Lorna wird eindringlich geschildert, während sie in den Höhen ihrer Manien gefangen ist und am Boden ihrer Depressionen leidet. Ihre Selbstzerstörung manifestiert sich in impulsiven Entscheidungen, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das Leben der Menschen um sie herum beeinflussen.
Die Erzählung reflektiert auch die erste Liebe des Erzählers, die von einer gewissen Naivität geprägt ist. Er sieht über Lornas Probleme hinweg und ist blind für die Anzeichen ihrer Erkrankung. Dies wird besonders deutlich in seinen Interaktionen mit anderen, die ihm die Augen öffnen, indem sie ihn auf seine Ignoranz hinweisen. Lorna selbst ist ein Charakter, der mit ihrer offenen, teils respektlosen Art polarisiert und gleichzeitig den Leser in ihren Bann zieht.
Maars Stil ist dabei leicht und unbeschwert, doch unter der Oberfläche brodelt eine tiefere Tragik. Die Beschreibung der Wohnsituation und der sozialen Umstände der Protagonisten zeugt von einer präzisen Beobachtungsgabe und schafft eine dichte Atmosphäre. Die Erzählung hat eine nostalgische Qualität, die an die 1960er Jahre erinnert und durch Details wie den Opel Kadett, den der Vater des Erzählers kauft, untermalt wird.
Insgesamt ist „Lorna“ eine eindringliche Novelle, die die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Herausforderungen psychischer Erkrankungen thematisiert. Sie zeigt, wie Liebe und Verständnis oft nicht ausreichen, um das innere Chaos eines Menschen zu bewältigen. Maar gelingt es, die Tragik und Schönheit des Lebens in einer berührenden Erzählung einzufangen, die lange nach dem Lesen nachhallt.