Geschwisterliche Konflikte und emotionale Distanz in Julia Holbes „Man müsste versuchen, glücklich …

In ihrem Roman „Man müsste versuchen, glücklich zu sein“ thematisiert Julia Holbe die Herausforderungen und Spannungen innerhalb einer Familie, insbesondere zwischen Geschwistern. Der Leser wird in die Geschichte von Flora und Millie eingeführt, zwei Schwestern, die nach dem Tod ihrer Eltern mit längst vergangenen Konflikten konfrontiert werden. Obwohl der Klappentext vielversprechend klingt und die großen Fragen des Lebens aufwirft, bleibt die Ausarbeitung der Thematik oft oberflächlich und verfehlt es, die emotionalen Tiefen auszuleuchten.

Flora, die Ich-Erzählerin, steht vor der schweren Aufgabe, das Elternhaus in Luxemburg zu räumen. Dies geschieht auf Drängen ihrer Tochter, die darauf hinweist, dass es an der Zeit sei, sich von den Erinnerungen zu lösen und das Haus zu verkaufen. Flora hat sich lange vor dieser Aufgabe gedrückt, da sie befürchtet, dass die Konfrontation mit der Vergangenheit schmerzhafte Erinnerungen hervorrufen könnte, die sie ohne die Unterstützung ihrer Schwester Millie bewältigen muss. Millie, die sich seit vielen Jahren von der Familie distanziert hat, reagiert nicht einmal auf die Todesnachricht der Eltern. Ihre Abwesenheit und der lange Kontaktabbruch werfen Fragen auf, die im Laufe der Geschichte nur unzureichend beantwortet werden.

Die unerwartete Rückkehr von Millie ins Elternhaus, die gleichzeitig mit Flora eintrifft, sorgt sofort für Spannungen. Alte Konflikte brechen auf, und die Schwestern geraten in hitzige Auseinandersetzungen. Beide sind sich einig, dass ihre Eltern, insbesondere ihre Mutter FéFé, in ihrer Erziehung versagt haben. Während Flora die Kindheit als unglücklich und geprägt von Vernachlässigung wahrnimmt, hat Millie eine andere Perspektive. Sie scheint die negativen Erlebnisse zu verdrängen und bleibt in ihrer Sichtweise unnahbar. Floras Versuche, mit Millie über ihre gemeinsame Vergangenheit zu sprechen, scheitern, da Millie beharrlich behauptet, sich nicht erinnern zu können. Diese Weigerung führt zu einer weiteren Entfremdung zwischen den Schwestern und verstärkt Floras Frustration.

Die Dialoge zwischen Flora und Millie sind zwar lebhaft und manchmal amüsant, sie kratzen jedoch nur an der Oberfläche der zugrunde liegenden Emotionalität. Holbe gelingt es, einige nostalgische Momente einzufangen, die die Atmosphäre der Kindheit lebendig werden lassen. Anekdoten über die unkonventionelle Erziehung durch ihre Eltern, wie die chaotischen Shopping-Touren in Luxemburg oder die exzessiven Partys, zeigen das Potenzial für tiefere emotionale Verbindungen. Diese Episoden bleiben jedoch oft isoliert und werden nicht in den größeren Kontext ihrer Beziehung integriert.

Ein zentraler Kritikpunkt an dem Roman ist, dass trotz des regen Austauschs zwischen den Schwestern wenig Substanz vermittelt wird. Die Gespräche wiederholen sich und scheinen keine wirklichen Fortschritte zu machen. Flora bleibt als Charakter eindimensional und zeigt kaum Entwicklung während der Geschichte. Millies Verhalten wird ebenfalls nicht ausreichend erklärt, und ihre eigentlichen Beweggründe für den Rückzug aus der Familie bleiben unklar. Dies führt dazu, dass die Leser keine tiefere Verbindung zu den Protagonistinnen aufbauen können.

Ein weiterer Aspekt, der dem Roman schadet, ist die Handlung, die sich oft in Belanglosigkeiten verliert. Ereignisse, die potenziell bedeutend sein könnten, wie das gescheiterte Fest im Garten oder der Ausflug zum Boot des Vaters, werden nicht genügend ausgearbeitet, um die emotionalen Spannungen zwischen den Schwestern zu verdeutlichen. Obwohl es einige bewegende Momente gibt, bleibt das Gefühl der Distanz zu den Charakteren bestehen, was das Leseerlebnis insgesamt trübt.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Julia Holbes „Man müsste versuchen, glücklich zu sein“ zwar interessante Ansätze und eine fesselnde Prämisse bietet, aber letztlich nicht das volle Potenzial ausschöpft. Die thematisierten Konflikte und die Suche nach Versöhnung werden oft nur flüchtig behandelt, was dazu führt, dass die Leser am Ende mit einem Gefühl der Ratlosigkeit zurückbleiben. Der Roman könnte von einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den emotionalen Wunden und der Komplexität der Geschwisterbeziehung profitieren, um die erzählerische Kraft des Themas vollständig zu entfalten.