In der Buchreihe „Reclam 100 Seiten“ hat Clemens J. Setz eine spannende und unkonventionelle Einführung in das Werk von Rainer Maria Rilke verfasst. Setz gelingt es, den Leser auf eine Reise durch Rilkes Leben und Schaffen zu führen, die sowohl informativ als auch unterhaltsam ist. Dabei geht es ihm nicht nur um die biografischen Fakten des Dichters, sondern vielmehr um eine persönliche Reflexion, die den Leser dazu anregt, Rilkes Gedichte und Gedanken aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Die erste überraschende Verbindung, die Setz herstellt, ist die Assoziation von Rilke mit dem Weihnachtsmann, die W. H. Auden als „den Weihnachtsmann der Einsamkeit“ bezeichnete. Diese Beschreibung mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch Setz nutzt sie als Ausgangspunkt, um die tiefere poetische Dimension Rilkes herauszuarbeiten. Anstatt sich auf eine standardisierte biografische Darstellung zu beschränken, geht Setz auf individuelle und überraschende Bezüge ein, die seine persönliche Lesart von Rilke prägen.
Im Zentrum von Setz’ Buch steht nicht nur Rilkes Werk, sondern auch seine eigene Lesebiografie. Er präsentiert eine Auswahl von Rilkes schönsten und eindrucksvollsten Passagen, ergänzt durch eigene Gedankengänge und Assoziationen, die seine Auseinandersetzung mit dem Dichter lebendig machen. So wird Rilkes Dichtung nicht nur in ihrem literarischen Kontext betrachtet, sondern auch mit Setz’ eigenen Erfahrungen und Vorlieben verknüpft. Diese subjektive Herangehensweise verleiht dem Werk eine frische und zeitgenössische Note, die sowohl Neulinge als auch Rilke-Kenner fesseln kann.
Setz’ Blick auf Rilke ist von der Idee geprägt, dass das Ich des Dichters sich zurücknimmt und die Welt um ihn herum in den Fokus rückt. Dennoch verfolgt Setz einen gegenteiligen Ansatz: Er stellt die persönliche Bedeutung Rilkes für sich selbst heraus und bietet dem Leser damit einen Einblick in seine eigene poetische Welt. Diese Ich-Zentrierung ist nicht narzisstisch, sondern vielmehr ein Mittel, um die universelle Anziehungskraft von Rilkes Werk zu verdeutlichen.
Die ersten Seiten des Buches zeigen bereits, dass Setz die Möglichkeiten der Druckformate als eingeschränkt empfindet. Er wünscht sich, Hyperlinks und multimediale Inhalte nutzen zu können, um Rilkes historische Einzigartigkeit und seinen Einfluss in der digitalen Welt greifbar zu machen. Setz’ Interesse konzentriert sich dabei vor allem auf die Poesie des Dichters, während er sich weniger mit feuilletonistischen Überlegungen zur Lyrik oder der Prosa Rilkes beschäftigt.
Besonders bemerkenswert ist, wie Setz seine eigenen Rezeptionsirrtümer thematisiert. Ein Beispiel ist seine Vorstellung des berühmten Panthers, den Rilke in seinem Gedicht beschreibt. Setz gesteht ein, dass er das Tier lange Zeit für schwarz hielt, bis er auf einer historischen Postkarte entdeckte, dass es sich um ein geflecktes Tier handeln könnte. Solche persönlichen Anekdoten und Assoziationen machen das Buch lebendig und verleihen ihm eine individuelle Note.
Setz verwebt Zitate und Gedanken anderer Autoren mit Rilkes Werk, was zu einem intertextuellen Dialog führt. Diese Verknüpfungen sind nicht willkürlich, sondern folgen einem klaren roten Faden, der die Leser dazu anregt, über die Grenzen der Gedichte hinauszudenken. Eine solche Verbindung zieht Setz beispielsweise zwischen Rilkes „Gegenständen ohne Hinterseite“ und einem modernen Computerspiel, was die Relevanz von Rilkes Ideen in der gegenwärtigen Kultur unterstreicht.
Setz’ Schreibstil ist unprätentiös und zugänglich. Er nutzt eine Mischung aus umgangssprachlichen Ausdrücken, humorvollen Kommentaren und persönlichen Einschätzungen, um Rilkes Werk zu vermitteln. Diese Herangehensweise wirkt erfrischend und lädt dazu ein, sich auf die Gedichte einzulassen, ohne dass der Leser sich in komplexen literarischen Theorien verlieren muss.
Insgesamt gelingt es Clemens J. Setz, Rainer Maria Rilke in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Seine persönliche Perspektive und die kreative Verknüpfung von Rilkes Werk mit eigenen Erfahrungen und zeitgenössischen Themen schaffen eine spannende und anregende Lektüre. Das Buch „Rainer Maria Rilke





