DIE GUTE LEKTION

 

Georges Eekhoud

DIE GUTE LEKTION

An Alfred Vallette.

Die junge Lehrerin, die aufgrund einer überstrahlten Seele sehr blass im Gesicht war, unterbrach ihren Unterricht an einem drückenden italienischen Nachmittag in der kleinen Klasse für sehr junge Kinder in Motta-Visconti.

Durch die offenen Fenster, an denen eine schwache Brise von Zeit zu Zeit die halb heruntergelassene Jalousie aufbläst wie das Kropfband einer sich rümpfenden Taube, sieht man das grüne und fruchtbare Land am Fuße des Apennins, mit der kreidefarbenen Dorfstraße, die in eine Pappelallee übergeht, zwischen denen sich die Ernte unter den Maulbeerbaumreihen mit den dünnen Weinreben abwechselt, deren kleine Blätter das grelle Licht weiß werden lässt. Es gibt Weizen und Trauben, aber auch Seide, das Luxusgut, das neben dem Brot steht, das allen gehören sollte, und neben dem Wein, der alle Menschen trösten und ihnen ermöglichen sollte, immer unter beiden Arten zu kommunizieren. Wer kennt schon Seide, wenn nicht in den Seidenfabriken von Motta-Visconti?

Ungekleidet, nur mit einem bräunlichen Hemd bekleidet, mit versengten, hochgeschlossenen Hosen, die von ungleichen Hosenträgern gehalten werden, und barfuß, schlummern die Kleinen über ihrer Fibel in hübschen, gefalteten Posen, mit Schmollmund und Lächeln auf ihren dicken Lippen, die von den Liebkosungen der Träume gestreichelt werden. Lockige oder buschige Haare und pummelige Wangen stützen sich auf kleine, dicke Arme – Wangen, die vom Staub gebräunt und von neuem Blut karminrot sind. Und es ist ein Flüstern der starken Atemzüge, die das Summen der großen blauen Fliegen…. wiegt.

Die Lehrerin, die Arme, mit ihrer guten und leidenschaftlichen Seele, nutzt diese Pause, um süße und bemitleidenswerte Lieder zu reimen. Diese Atmosphäre der blühenden Elendsgestalten, der Ausgestoßenen, inspiriert sie zu mitfühlenden und bedauernden Dingen, und dieses erste Alter der ländlichen Leibeigenen, diese Keime der zähmbaren und korrumpierbaren Menschheit verleiten sie zu schmerzlichen Rührungen, denn sie denkt daran, was sein sollte und was noch nicht sein wird für all diese so neuen und so kandidatenhaften Wesen.

Sie bemitleidet sich selbst, rührend und mütterlich, und träumt von Ruhe und Sonne für all diese Jungen.

Sie ist die Fee mit den magischen Gaben, die das Schicksal abwenden und Freude, Gelassenheit, Illusionen und Zärtlichkeit auf diese Köpfe regnen lassen kann. Sie kann ihnen wie den einfachen Wiesenblumen die lebensspendenden Säfte verschaffen, die die samtige Frische ihrer anmutigen Gesichter erhalten und zum Blühen bringen. Sie weiß, was ihnen schon an der Schwelle des Lebens fehlt, sie weiß, welche noch härteren Entbehrungen ihnen bevorstehen, sie weiß, welche Ungerechtigkeit und Schmach ihnen droht.

Ach, dass sie nichts tun kann, um das verhängnisvolle Elend zu entwaffnen, dass sie all diese hübschen menschlichen Sprösslinge vor den Holzfällern und den industriellen Wühlern schützen kann, dass sie nur die arme, mitleidige und traurige Dichterin sein kann, die sie zwar liebt, aber ihnen nichts zu geben hat als ihre Tränen und ihre wohltätigen Verse…..

Ihre anmutigen Reime befeuchten das weiße Papier wie die Tränen ihr Taschentuch. Sie ertappt sich dabei, wie sie über die Zukunft dieser Schüler nachdenkt: „Arme Dornenblumen, Nachtigallen aus der Hütte, was werden sie in zehn Jahren sein? Sie werden niederträchtig oder pervers sein, sie werden Dummheiten erzählen, sie werden geduldige Handlanger sein oder Geldbeutel zerschneiden, sie werden unterwürfige Galeerensklaven in der Werkstatt sein oder subversive Arbeiter in den Gefängnissen. Wo wird sie sie wiedersehen, in der Kaserne, im Krankenhaus, in der Leichenhalle, im Zuchthaus, auf dem Schafott?“

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