In den annähernd 850 Jahren seit der Verfassung des „Metalogicon“ durch Johannes von Salisbury war es bislang nicht gelungen, dieses bedeutende Werk ins Deutsche zu übertragen. Mit der ersten vollständigen Übersetzung durch Helga Köhler wird dieses Manko nun behoben. Köhlers Arbeit ist nicht nur eine Übersetzung, sondern auch eine fundierte und umfassende Kommentierung des Textes, die auf jahrelanger Recherche basiert. Ihre Fußnoten bieten nicht nur einen Einblick in die umfangreiche Quellenlage, sondern decken auch zahlreiche versteckte Zitate auf, die in der Originalfassung möglicherweise nicht sofort erkennbar sind. Zudem stellt sie klar, wo ihre Übersetzung von der gängigen englischen Version von John Barrie Hall abweicht und erläutert die Gründe für ihre unterschiedlichen Interpretationen.
Köhlers Ziel war es, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern nicht nur den Inhalt des „Metalogicon“ näherzubringen, sondern auch dessen literarische Qualitäten erlebbar zu machen. Während sie in dieser Hinsicht bemerkenswerte Fortschritte erzielt hat, bleibt es dem Leser überlassen, die literarischen Nuancen letztlich zu würdigen. Dennoch könnte die Verwendung des Anglizismus „Hardliner“ in ihrer Übersetzung als wenig passend empfunden werden, da sie nicht dem historischen Kontext des Originals gerecht wird.
Neben der Übersetzung hat Köhler auch eine ausführliche Einleitung verfasst, die den Werdegang Johannes von Salisbury sowie seine Intentionen erklärt. Johannes sah sich in seiner „Verteidigung der Logik“ nicht nur als Vermittler einer intellektuellen Fertigkeit, sondern betrachtete Logik und Dialektik als essenzielle Werkzeuge für andere Disziplinen, insbesondere der Ethik. Diese Überlegungen werden durch die Frage nach der literarischen Gattung des „Metalogicon“ ergänzt, die Köhler als komplex und nicht eindeutig einordbar beschreibt. Der Text vereint biografische Elemente, streitbare Argumentationen sowie philosophische Abhandlungen über den Universalienstreit und die Psychologie der Erkenntnis.
Johannes’ „Metalogicon“ ist in vier Bücher unterteilt, die über längere Zeiträume hinweg entstanden sind. Das erste Buch eröffnet den Text mit einem Prolog und stellt die Grundlagen der Logik dar. Johannes versteht Logik als die Methode, durch die wissenschaftliches Arbeiten fundiert wird. Dabei betont er, dass es nicht um die Verkündung absoluter Wahrheiten geht, sondern um die Plausibilität seiner Argumente. Er ermutigt seine Leserschaft, seine Thesen zu überprüfen und sich mit den vorgebrachten Ideen auseinanderzusetzen.
Ein zentrales Thema im zweiten Buch ist der Universalienstreit, den Johannes aufgreift, um die Positionen der Nominalisten und Realisten zu diskutieren. Hierbei identifiziert er sich klar mit den Nominalisten, wobei er die Ansichten Platons ablehnt. Er argumentiert, dass Gattungen und Spezies lediglich Konstruktionen des menschlichen Verstandes darstellen, die der wissenschaftlichen Klassifikation dienen, jedoch nicht die Realität selbst definieren.
Im dritten Buch widmet sich Johannes der Interpretation von Aristoteles’ Organon, das er als maßgebliche Quelle für Logik und Erkenntnistheorie betrachtet. Dabei wird auch die Fähigkeit des Menschen zum rationalen Denken im Vergleich zu Gott und den Engeln thematisiert. Johannes erkennt an, dass während der Mensch durch den Gebrauch von Vernunft und Sprache eine besondere Würde erlangt, er dennoch nicht mit der Erkenntnis Gottes oder der Engel konkurrieren kann.
Das vierte Buch geht weiter auf erkenntnistheoretische Fragen ein und stellt die Rolle der Ratio in der Überprüfung der Sinne dar. Johannes argumentiert, dass Wissen über das Sinnlich Wahrnehmbare hinausgeht und dass auch immaterielle und geistige Dinge erfasst werden können. Trotz seiner Bewunderung für Aristoteles räumt er ein, dass auch dessen Lehren nicht unfehlbar sind.
Köhlers Übersetzung des „Metalogicon“ ist somit nicht nur ein wichtiger Schritt für die deutsche Wissenschafts- und Literaturgeschichte, sondern bietet auch wertvolle Einblicke in die philosophischen Diskurse des Mittelalters. Sie regt dazu an, über die Rolle von Logik, Rhetorik und Dialektik in der heutigen Zeit nachzudenken und deren Relevanz für gegenwärtige Diskurse zu erkennen. Johannes von Salisbury erweist sich als ein Denker, dessen Ideen und Methoden nicht nur historisch von Bedeutung sind, sondern auch in der modernen Bildungslandschaft ihre Gültigkeit behalten.





