In der vorliegenden Edition des Innsbrucker Limbus-Verlags werden sechs Essaytexte des Schriftstellers Felix Salten veröffentlicht, die aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Der Band, der unter dem Titel „Das österreichische Antlitz“ erscheint, enthält die Essays „Das österreichische Antlitz“, „Nachtvergnügen“, „Die Wiener Straße“, „Stalehner“, „Das Wirtshaus von Österreich“ und „Menagerie in Schönbrunn“. Diese Texte bieten einen faszinierenden Einblick in die kulturelle und gesellschaftliche Landschaft Österreichs zur Zeit des Kaiserreichs unter Franz Joseph I.
Besonders auffällig ist die sorgfältige Aufmachung des Buches, das in einem handlichen Format mit Fadenheftung und Leseband präsentiert wird. Die Texte sind auf hochwertigem Papier gedruckt, was das Leseerlebnis zusätzlich bereichert. Nach den Essays folgen ein Nachwort des Herausgebers Alexander Kluy, eine Zeittafel zu Saltens Leben und Werk sowie Quellenangaben. Leider fehlt jedoch ein umfassender Kommentarteil, der die Texte für zeitgenössische Leser verständlicher machen würde. Stattdessen sind nur sporadische Erläuterungen in eckigen Klammern eingefügt, die nicht immer ausreichend sind, um die historischen Kontexte zu erklären.
Salten, der neben seinen Essays auch für seinen berühmten Roman „Bambi“ bekannt ist, wird oft als ein Widerspruch in der Literaturgeschichte betrachtet. Sein Werk reicht von Kinderliteratur bis hin zu erotischen Romanen, und es bleibt unklar, ob seine literarischen Beiträge im Gesamtkontext der Literaturwissenschaft genügend gewürdigt werden. Der Herausgeber versucht, Salten als komplexe Persönlichkeit darzustellen, die verschiedene Facetten seines Schaffens und seiner Lebensweise in sich vereint.
Im Essay „Das österreichische Antlitz“ wird das Österreich zur Zeit Franz Josephs I. als ein Ort der kulturellen Identität beschrieben. Salten argumentiert, dass kein anderer Mann so stark das Wesen der Österreichischen Gesellschaft geprägt hat wie der Kaiser selbst. Er beschreibt Franz Joseph als eine Figur, die sowohl in ihrer Menschlichkeit als auch in ihrem Auftreten das wahre Österreich verkörpert. Diese Hommage an den Kaiser wird durch eine kritische Betrachtung der preußischen Kultur ergänzt, die Salten als übertrieben und theatralisch wahrnimmt.
Das zweite Essay, „Nachtvergnügen“, ist eine Betrachtung der nächtlichen Freuden Wiens. Salten beschreibt die „Freudenlokale“ der Stadt und die dort tanzenden jungen Mädchen. Seine Darstellungen sind sowohl eindringlich als auch sensibel, und er gelingt es, die Unschuld und die Begierden dieser Mädchen zu skizzieren, ohne dabei eine moralische Schlussfolgerung zu ziehen. Diese unkonventionelle Herangehensweise könnte beim heutigen Leser Irritationen hervorrufen, da einige seiner Formulierungen als anstößig interpretiert werden könnten. Dennoch ist es wichtig, Salten im historischen Kontext zu betrachten und seine psychologisierenden Beschreibungen der damaligen Gesellschaft zu würdigen.
Die Texte zeichnen sich durch eine impressionistische Bildsprache aus, die den Leser in die Atmosphäre Wiens eintauchen lässt. Saltens Stil ist geprägt von einer eleganten Wortwahl und einer geschmeidigen Satzstruktur, die dem Leser ein genussvolles Leseerlebnis bieten. Auch die subtile Ironie, die in vielen Passagen mitschwingt, verleiht seinen Essays eine besondere Note.
Trotz der literarischen Qualitäten der Texte gibt es redaktionelle Schwächen, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Die Auswahl und Anordnung der Essays wird nicht ausreichend erklärt, und die Quellenangaben lassen Fragen offen. Zudem bleibt unklar, warum diese Edition notwendig war, da viele der Texte bereits in anderen Formaten veröffentlicht wurden.
Insgesamt ist die Lektüre von Felix Saltens Essays ein bereicherndes Erlebnis, das nicht nur literarische Freude bereitet, sondern auch einen Blick in die kulturellen Strömungen der damaligen Zeit ermöglicht. Auch wenn die Edition einige Mängel aufweist, bleibt Saltens Werk von großem Interesse für Leser, die sich für die literarische und kulturelle Geschichte Österreichs im frühen 20. Jahrhundert begeistern.





