Migration und Identität – Ein Blick in die Geschichte**

In ihrem aufschlussreichen Buch „Zuhause ist anderswo“ bieten Susanne Mauthner-Weber und Hannes Leidinger einen tiefgehenden Einblick in die Thematik der Migration und deren lange Geschichte, die bis in die Bronzezeit zurückreicht. Auf etwa 250 Seiten beleuchten die beiden Autoren, wie Migration nicht nur ein modernes Phänomen, sondern ein zentraler Bestandteil der menschlichen Existenz ist, der unsere Gesellschaften über Jahrtausende hinweg geprägt hat. Erschienen im Leykam Buchverlag, regt das Werk an, die eigene Perspektive auf Migration zu hinterfragen und den historischen Kontext zu betrachten.

Migration ist heutzutage eines der am häufigsten diskutierten Themen in der europäischen Politik, oft begleitet von emotionalen Debatten und wenig faktischen Argumenten. Mauthner-Weber und Leidinger zeigen auf, dass die Vorstellung von Migranten als „die Anderen“ irreführend ist. Der Buchtitel selbst, der darauf hinweist, dass das „Zuhause“ an verschiedenen Orten gefunden werden kann, fordert uns auf, die oft einseitige Sichtweise zu überdenken, die Migration als einseitigen Fluss von „uns“ zu „den Anderen“ betrachtet.

Die Autoren beginnen ihre Erzählung in der Bronzezeit und illustrieren anhand von verschiedenen Beispielen, dass Migration immer ein dynamischer Prozess war, der nicht nur aus einem Ort heraus, sondern auch in verschiedene Richtungen stattfand. Eine der überraschendsten Enthüllungen ist die Analyse von Ötzi, dem berühmten Gletschermumienfund. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass er nicht aus den Alpen stammte, sondern einen Großteil seines Erbguts aus Anatolien mitbrachte. Diese Erkenntnis verdeutlicht, dass Migration schon damals eine Realität war, die weit über regionale Grenzen hinausging.

Darüber hinaus führen die Autoren aus, dass in der Bronzezeit massenhafte Migration von Gebieten im heutigen Böhmen und Mitteldeutschland nach Österreich stattfand. Dies geschah zum Teil durch den Zuzug junger Frauen, die nicht nur heirateten, sondern auch entscheidende Kenntnisse in die neuen Regionen einbrachten, die für die Entwicklung der Bronzeproduktion von Bedeutung waren. Diese Erkenntnisse stellen die jahrzehntelangen Annahmen in Frage, dass nur Männer für solche Fachkenntnisse verantwortlich waren.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt des Buches ist der Blick auf die Auswanderung von Österreichern im 19. Jahrhundert nach Ägypten. Viele von ihnen ließen sich dort nieder, um Handel zu treiben und den dort lebenden Exilösterreichern eine Art Heimatgefühl zu vermitteln. Die Geschichten, die Mauthner-Weber und Leidinger erzählen, sind reich an Details und vermitteln ein lebendiges Bild der Beweggründe der Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Sie thematisieren sowohl wirtschaftliche Notwendigkeiten als auch die Suche nach neuen Chancen und Abenteuern.

Migration wird nicht als Einbahnstraße verstanden, sondern als komplexer Prozess, der von vielfältigen Gründen bestimmt wird – sei es durch politische Verfolgung, wirtschaftliche Not oder den Drang nach persönlichem Wachstum. Immer wieder verknüpfen die Autoren historische Beispiele mit aktuellen Diskussionen, was das Buch besonders relevant macht. Sie zeigen auf, wie österreichische Traditionen in Ländern wie Peru zu touristischen Attraktionen wurden und wie die dort lebenden Österreicher ihre kulturellen Wurzeln bewahrten.

Das letzte Kapitel des Buches, „Die Schande von Parndorf“, bringt die Leser mit der Realität der Migration im 21. Jahrhundert konfrontiert. Die tragische Geschichte von 71 Menschen, die 2015 bei dem Versuch, aus dem Irak und Syrien zu fliehen, in einem Kühllaster erstickten, verdeutlicht die menschliche Dimension hinter den oft abstrakt diskutierten „Flüchtlingskrisen“. Hier wird die persönliche Tragödie jedes einzelnen Migranten sichtbar, was das Buch zu einem berührenden und nachdenklichen Werk macht.

Insgesamt bietet „Zuhause ist anderswo“ eine wertvolle historische Perspektive auf das Thema Migration und zeigt, dass wir alle Teil einer miteinander verflochtenen Geschichte sind. Die Autoren fordern dazu auf, Vorurteile abzubauen und ein differenziertes Verständnis von Migration zu entwickeln. Ihr Werk sollte nicht nur in Schulen, sondern auch von politischen Entscheidungsträgern gelesen werden, um ein tieferes Verständnis für die Komplexität menschlicher Mobilität zu fördern.